Technologie trifft auf die Menschen: Change Management in der Pflege-Digitalisierung (DD#19)
Bis ein einzelnes Medikationstool in einem Krankenhaus wirklich gut ausgerollt ist, kann ein ganzes Jahr vergehen. Im Dings & Digital Podcast spricht Konrad Fenderich von slashwhy mit Lars Drüke-Thiele, Senior Innovation Sales Manager DACH bei Tiplu, darüber, warum Software-Einführungen in der Pflege so oft am Change Management scheitern und was sich daran ändern muss.
Tiplu im slashwhy Podcast über Change Fatigue in der Pflege
Viele Kliniken kennen den Moment, in dem ein sorgfältig geplanter Rollout auf einer Station einfach nicht ankommt. Die Beschaffung lief, die Schulungen sind gemacht, und trotzdem arbeitet niemand mit dem neuen System. Lars Drüke-Thiele kennt diesen Moment von beiden Seiten. Er hat als (Kinder-)Krankenpfleger jahrelang auf Station gearbeitet, war später Ausbilder und hat auf Herstellerseite versucht, ein Krankenhausinformationssystem zu implementieren. Heute verbindet er bei Tiplu in Hamburg klinische Praxis mit IT-Know-how rund um Dokumentation und Prozessgestaltung. Im Gespräch mit Konrad Fenderich von slashwhy erklärt er, warum diese Ablehnung selten etwas mit der Technik zu tun hat und bringt dafür den Begriff Change Fatigue mit.
Hinweis: Dieses ist #3 von insgesamt 3 Gesprächen zwischen Konrad Fenderich und Lars Drüke-Thiele.
Die wichtigste Erkenntnis
Change Fatigue in der Pflege ist Erschöpfung nach Jahren halbfertiger Software-Einführungen, doppelter Dokumentation und Schulungen, die aus einer schnell durchgeklickten PowerPoint bestehen. Eine Softwareeinführung im Krankenhaus ist deshalb überwiegend Kulturwandel und gelingt nur, wenn die Pflege als größte Nutzergruppe zuerst gefragt wird und die Prozesse vor der Technik geklärt sind.
Wenn neue Software auf skeptische Stationen trifft
Jede Veränderung kostet Energie, und in der Pflege ist dieser Vorrat aufgebraucht. Über Jahre wurde in Kliniken Software eingeführt und oft blieb es bei Versuchen. Skepsis gegenüber neuen Systemen steht im Klinikalltag an der Tagesordnung, und zwar „nicht aus Technologie-Ablehnung, sondern weil sie müde geworden sind", sagt Lars Drüke-Thiele im Dings & Digital Podcast. Verstärkt wird das durch Rollouts, in denen im alten und im neuen System parallel dokumentiert wird, während sich die eigentliche Arbeit nach hinten verschiebt. Dazu kommt die Menge an Systemen, mit denen eine Station ohnehin umgeht: Konrad Fenderich berichtet aus seiner Zeit an einem Uniklinikum von „rund 500 bis 600 unterschiedlichen IT-Anwendungen". Und mit dem KHZG steht die nächste Welle an, die Lars Drüke-Thiele nüchtern einordnet: „Man hat einfach Produkte eingekauft, weil Geld da war."
Indem wir Pflegekräfte endlich ernst nehmen und sie nicht nur als Kostenfaktor betiteln. Nur das Miteinbeziehen, das Wertschätzen und wirklich zu verstehen, was für eine wahnsinnige Arbeit sie Tag für Tag mit brutal schlechten Tools leisten, hilft, diese Change Fatigue zu durchbrechen.
Lars Drüke-Thiele, Senior Innovation Sales Manager DACH bei Tiplu
Fazit: Change Fatigue bricht erst, wenn die Pflege gefragt wird
Das Gespräch mit Lars Drüke-Thiele im Dings & Digital Podcast verschiebt die Diagnose. Wenn eine Station ein neues System ablehnt, liegt das selten an der Technik und meist an dem Weg dorthin: ohne Change-Begleitung, ohne geklärte Prozesse, ohne die Nutzergruppe, die im Krankenhaus alle Informationen zusammenführt. Vier Punkte tragen die Folge: Software muss reale Probleme lösen, Pflegekräfte müssen Teil des Entwicklungsprozesses sein, Lösungen müssen intuitiv sein, und sie müssen Arbeit tatsächlich abnehmen. Dazu kommt der Punkt, den Lars Drüke-Thiele selbst ergänzt: Es braucht einen Kulturwandel, weil IT-Projekte im Krankenhaus keine reinen IT-Projekte sind.
Optimistisch ist dieser Befund nicht. Trotzdem endet die Folge mit einem konkreten Hebel. Auf die Frage, wie man aus dem Paradoxon herauskommt, dass überlastete Pflegekräfte sich Entlastung wünschen und neue Tools trotzdem ablehnen, antwortet Lars Drüke-Thiele: indem man Pflegekräfte endlich ernst nimmt, sie einbezieht und wertschätzt. Sein Zielbild für die Zukunft ist dabei sehr konkret: statt sich einzuloggen und zu tippen, einfach sagen, dass ein Patient einen Blutdruck von 120 zu 70 hat, und das System ordnet den Wert selbst der richtigen Stelle in der Patientenakte zu.
Den vollständigen Dings & Digital Podcast mit Lars Drüke-Thiele gibt es jetzt überall, wo es Podcasts gibt.

