Digitaler Reifegrad: Was Logistik- und Landtechnik unterscheidet (DD#17)
Landtechnik und Logistik gehören bei KRONE zum selben Konzern, entwickeln sich digital aber unterschiedlich schnell. Guido Ringling, Leiter Konzernstrategie bei der KRONE Holding, ordnet im Gespräch mit Janna Spanke von slashwhy ein, woran das liegt und was beide Bereiche voneinander lernen können.
Die wichtigsten Erkenntnisse
Der Unterschied im digitalen Reifegrad zwischen Landtechnik und Logistik ist bei KRONE folgt aus den jeweiligen Branchenlogiken. Die Logistik wird durch CO2-Regulatorik getrieben, die Landtechnik kämpft mit engen Erntefenstern, die erst durch aktives Gegensteuern vom Bremser zum Treiber wurden. Guido Ringling macht deutlich: Die eigentliche Stärke liegt nicht darin, beide Bereiche gleich schnell zu machen, sondern sie bewusst voneinander profitieren zu lassen, z. B. bei der gemeinsam entwickelten Smart Connect Box. Dieser Transfer ist eine aktive Führungsaufgabe.
KRONE im slashwhy Podcast
Gleicher Eigentümer, gleiche Wurzeln, und trotzdem ein spürbar anderes Tempo bei der Digitalisierung. Bei der KRONE Holding treffen mit KRONE Green und KRONE Blue zwei Sparten aufeinander, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben: Landmaschinen auf der einen Seite, Nutzfahrzeugaufbauten und Logistik auf der anderen. Beide unterliegen völlig unterschiedlichen Marktlogiken, und genau das macht den digitalen Reifegrad beider Bereiche so unterschiedlich.
Im Podcast Dings & Digital spricht Janna Spanke, Business Manager bei slashwhy, mit Guido Ringling, Leiter Konzernstrategie bei der KRONE Holding, darüber, wie dieser Unterschied entsteht, warum er kein Problem sein muss und was beide Sparten aktiv voneinander lernen. Guido Ringling kennt beide Welten aus nächster Nähe und bringt zusätzlich den Blick eines Quereinsteigers aus der Automotive-Branche mit.
Hinweis: Dies ist Gespräch #2 von 3 zwischen Janna Spanke und Guido Ringling im Dings & Digital Podcast.
Warum zwei Branchen im selben Konzern so unterschiedlich ticken
Die Logistikbranche steht laut Guido Ringling seit Jahren unter dem Druck europäischer CO2-Regularien. Für einen Lkw-Anhänger-Hersteller wie KRONE ist das eine besondere Herausforderung, denn Anhänger haben schlicht keinen eigenen Motor, an dem sich Emissionen direkt einsparen lassen. Also verlagert sich die Antwort auf das Gesamtsystem: Flottenmanagement, Reifenmanagement und Beladungsmanagement werden zu digitalen Stellschrauben, mit denen sich Effizienz und CO2-Einsparung erreichen lassen.
In der Landtechnik sieht die Ausgangslage anders aus. Hier bremst zunächst die Saisonalität: Neue Technologien lassen sich nur in engen Erntefenstern testen und einführen, und in dieser Zeit darf keine Maschine stillstehen. Guido Ringling beschreibt das als eine der größten Umstellungen, die er beim Wechsel aus der Automotive-Branche in die Landtechnik lernen musste. KRONE hat daraus inzwischen einen Vorteil gemacht: Weil weltweit erprobt wird, findet sich zu jeder Jahreszeit irgendwo eine laufende Ernte, an der neue Lösungen getestet werden können.
Diese unterschiedlichen Treiber, CO2-Regulatorik hier, Saisonalität dort, erklären laut Guido Ringling, warum beide Sparten beim digitalen Reifegrad nicht auf gleicher Höhe stehen. Entscheidend ist für ihn aber nicht, diesen Unterschied zu beseitigen, sondern ihn produktiv zu nutzen.
Fragen & Antworten aus der Folge Dings & Digital
Als Hersteller von Lkw-Anhängern hat KRONE keinen eigenen Motor, an dem sich CO2 direkt einsparen lässt. „Ist natürlich für uns als Lkw-Anhänger-Hersteller durchaus schwierig, 10 Prozent CO2 anzusparen, wenn wir nicht mal einen Motor in unseren Maschinen haben", sagt Guido Ringling. Die Antwort musste deshalb auf das Gesamtsystem zielen: effizienteres Flottenmanagement, passende Reifenwahl je nach Streckenart und Beladungsmanagement helfen Speditionen, profitabler zu werden und gleichzeitig Strafzahlungen zu vermeiden. Besonders eng ist dabei der Kostendruck, denn Lkw-Anhänger zählen nicht zu den margenstärksten Produkten, was Investitionen in digitale Innovation erschwert.
Enge Erntefenster galten für Guido Ringling zunächst als klarer Nachteil gegenüber der Automotive-Branche, aus der er ursprünglich beruflich kommt: Neue Technologien lassen sich nur in kurzen Zeitfenstern testen, in denen die Maschinen zudem fehlerfrei laufen müssen. „Das war das, was ich am stärksten lernen musste, als ich aus der Automotivbranche vor über 15 Jahren in die Landtechnikbranche gewechselt bin, dass dort eben der Wind anders weht", sagt er. Aus diesem strukturellen Nachteil hat KRONE inzwischen einen Vorteil gemacht, indem das Unternehmen ganzjährig international erprobt. „Wir erproben international weltweit das gesamte Jahr, weil irgendwo ist ja immer Ernte." Ein eigenes Forschungszentrum, das Future Lab in Lingen, ergänzt das ganzjährig, auch wenn für Guido Ringling die eigentliche Wahrheit über eine Maschine immer erst auf dem Feld liegt.
Die KRONE Smart Connect Box entstand aus einem Bedarf der Landtechnik: Maschinensteuergeräte sollten sich over the air mit digitalen Services versorgen lassen, unabhängig davon, wo sich der Kunde gerade befindet. Allein mit den Stückzahlen der Landtechnik war das aber nicht wirtschaftlich darstellbar. Die Lösung kam aus der Logistikbranche. „Wir haben das Ganze zusammen mit der Logistikbranche entwickelt und haben dort in ganz anderen Stückzahl-Dimensionen eine Wirtschaftlichkeit in das Produkt reingebracht", sagt Guido Ringling. Diesen Austausch beschreibt er als wechselseitigen Prozess: Mal ist die Landtechnik bei einer Innovation voraus, kann sie aber nicht skalieren, mal liefert die Nutzfahrzeuggruppe eine Idee, etwa Kamera-basiertes Beladungsmanagement, das sich auch für Bale Tracking auf dem Hof eignet. „Die beiden Branchen nehmen sich da nicht viel, wechseln sich immer so ein bisschen ab."
„Die Daten gehören dem Kunden", stellt Guido Ringling direkt klar. Trotzdem versucht KRONE, Kunden aktiv von den Vorteilen einer Datenfreigabe zu überzeugen, denn nur mit Zugang zu Maschinendaten lassen sich Servicefälle frühzeitig erkennen, etwa über veränderte Schwingungen, Geräusche oder Temperaturen. Eine verbreitete Sorge ist dabei die Angst, dass der Hersteller durch Datenzugriff Fehler erkennt und daraufhin Garantie oder Kulanz verweigert. „Ich glaube und hoffe, dass er bei uns sehr schnell gelernt hat, dass es eben absolut nicht der Fall ist", so Guido Ringling. Der Datenzugriff soll Kunden vor Fehlerfällen schützen statt sie im Nachhinein dafür verantwortlich zu machen. Perspektivisch sieht er in diesen Daten noch deutlich mehr ungenutztes Potenzial für neue Services oder Geschäftsmodelle.
Dass beide Sparten heute so eng zusammenarbeiten, kam laut Guido Ringling nicht von allein, historisch hatten sich die Firmen unter demselben Eigentümer lange Zeit relativ getrennt entwickelt. „Wir haben schon aktiv führen müssen und aktiv verbinden müssen, damit etwaige Gräben oder Silos zwischen den beiden blauen und grünen Firmen abgebaut werden. Das kam jetzt nicht von ganz alleine." Die KRONE Holding hat als Muttergesellschaft explizit die Aufgabe, Synergiepotenziale zwischen den Bereichen zu erkennen und die richtigen Kontakte zu aktivieren. Mittlerweile gibt es dafür feste Austauschformate auf Produktions-, Entwicklungs- und Telemetrieebene, auch das gemeinsam genutzte Future Lab in Lingen dient beiden Sparten.
„Wir sind halt auch schon ein altes Unternehmen, wir sind 120 Jahre alt. Und bei aller Innovationskraft und bei allem charmanten Mix zwischen Tradition und Vision sollten wir nicht uns einbilden, dass wir alles selber können", sagt Guido Ringling. Rein kapazitiv, aber auch kompetenzseitig brauche es regelmäßig den Blick von außen. Ein konkretes Beispiel: Statt eines monatelangen Lastenheft-Pflichtenheft-Prozesses ging KRONE mit einem Startup direkt in einen kurzen, pragmatischen Austausch, nach wenigen Stunden stand bereits das erste Muster zum Testen bereit. Diese Geschwindigkeit wirke stark beschleunigend, ohne etablierte Prozesse völlig über Bord zu werfen. Am Ende gehe es für KRONE genau darum: schneller zu sein als große Wettbewerber und schneller auf Kundenwünsche zu reagieren.
Warum digitale Reife keine Frage der Geschwindigkeit allein ist
Das Gespräch mit Guido Ringling zeigt, dass sich Landtechnik und Logistik bei KRONE nicht deshalb unterschiedlich entwickeln, weil eine Sparte besser digitalisiert als die andere, sondern weil beide auf unterschiedliche externe Kräfte reagieren: CO2-Regulatorik auf der einen Seite, Saisonalität auf der anderen. Entscheidend ist für KRONE nicht, diesen Unterschied aufzulösen, sondern ihn aktiv zu nutzen, wie das Beispiel der Smart Connect Box zeigt.
Dass dieser Transfer funktioniert, ist für Guido Ringling keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis bewusster Führungsarbeit gegen historisch gewachsene Silos. Und selbst als 120 Jahre altes Unternehmen bleibt für ihn die Offenheit gegenüber externem Wissen, etwa von Startups, zentral, um langfristig schneller zu bleiben als der Wettbewerb.
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