Business-Modelle der neuen Energiewelt: Was ist Hype und was hat Zukunft? (DD#18)

Neue Geschäftsmodelle der Energiewirtschaft entstehen derzeit schneller, als sich ihre Wirtschaftlichkeit belegen lässt. In der aktuellen Folge von Dings & Digital sortiert Niklas Tüpker von slashwhy gemeinsam mit Andreas Piepenbrink von E3/DC, welche Modelle heute schon tragen und welche vor allem gut klingen.

13. Oktober 2026, vonNiklas Tüpker & Andreas PiepenbrinkinPodcast & CleanTech

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Neue Geschäftsmodelle in der Energiewirtschaft stehen und fallen mit der Wirtschaftlichkeit. Technische Machbarkeit allein reicht nicht. Vieles, was nach Zukunftsmusik klingt, läuft für Andreas Piepenbrink längst. Was tragfähige Modelle im Alltag wirklich ausbremst, sind Messwesen, Abrechnung und ein Regelwerk, bei dem er selbst beim EEG einräumt, dass niemand mehr durchblickt.

Vom Produkt zum System: Warum in der Energiewelt jetzt die Geschäftsmodelle entscheiden

Mieterstrom, Energy-as-a-Service, P2P-Stromhandel, Plattformen: Die Liste der Geschäftsmodelle in der Energiewelt wird länger und fast jedes davon lässt sich technisch bauen. In der Praxis entscheidet aber eine andere Frage darüber, ob daraus ein Geschäft wird: Wer bezahlt es, und hält das Modell dem Aufwand für Messung, Abrechnung und Genehmigung stand?

Lange war die Rollenverteilung im Energiemarkt eindeutig. Der Versorger lieferte, der Kunde verbrauchte, der Netzbetreiber transportierte und ein Gerät war ein Gerät. Diese Ordnung löst sich langsam auf. Prosumenten erzeugen und verbrauchen gleichzeitig, Speicher verschieben Lasten, Plattformen vermitteln zwischen Herstellern und Strompreise werden dynamisch. Für Hersteller, Stadtwerke, Netzbetreiber und die Immobilienwirtschaft heißt das: Sie müssen nicht nur neue Technik beherrschen, sondern neu kalkulieren, wer in dieser Kette welchen Anteil verdient.

Andreas Piepenbrink, CEO und Mitgründer von E3/DC, gibt im Dings & Digital Podcast klare Antworten darauf, welche der neuen Geschäftsmodelle diesen Test heute schon bestehen und welche daran scheitern.

Hinweis: Dies ist Gespräch #3 von 3 zwischen Niklas Tüpker und Andreas Piepenbrink.

Vier Megatrends verschieben die Rollen im Energiemarkt

Für Andreas Piepenbrink ist Abwarten keine Option und er ordnet den Umbau in einen langen Wirtschaftszyklus ein. Dieser Zyklus heißt für ihn Elektrifizierung, also der Ersatz fossiler und rein mechanischer Prozesse, unterstützt von digitalen Welten. Konkret gehe es dabei um Wirtschaftlichkeit, um Aggregatoren und Projektierer, um digitale Geschäftsmodelle, um Prozesse und um Prosumenten. Sein Bild dafür ist die Tankstelle, an der alle auf den Spritpreis schauen: Alles werde dynamisch und digital, deshalb gebe es nur wenige Dinge, die man dabei unterlassen könne.

Für etablierte Unternehmen läuft dieser Umbau entlang von vier Bewegungen, die er als Megatrends benennt: vom Produkt zum System, vom Produkt zum Service, vom zentralen Versorger zum dezentralen Lösungsanbieter und vom Monopol zur Plattform. Jede dieser Bewegungen verschiebt Rollen im Markt und keine davon lässt sich allein mit einem besseren Gerät bewältigen. Start-ups, der M&A-Bereich und Venture-Beteiligungen seien dafür gute Mittel. Dazu kommt ein Anspruch, den Andreas Piepenbrink ausdrücklich mit einer jüngeren Generation und einem neuen Verständnis von Arbeit verbindet: Nachhaltigkeit und Zirkularität. Etwas mehrfach zu nutzen sei als Ingenieur betrachtet perfekte Effizienz, aber es sei mehr als das, weil dabei Kreisläufe entstehen.

Fragen & Antworten aus der Folge Dings & Digital

  • „Es gibt ja einen alten Spruch: Entweder man geht mit der Zeit oder man geht mit der Zeit", sagt Andreas Piepenbrink  im Dings & Digital Podcast. Die einzige relevante Frage sei, welcher Trend volkswirtschaftlich so nachhaltig ist, dass man ihm besser folgt, als ihn auszusitzen. Für ihn ist das die Elektrifizierung, also der Ersatz fossiler und rein mechanischer Prozesse durch elektrische, begleitet von digitalen Welten, die das Ganze unterstützen. Was daraus folgt, zählt er konkret auf: Wirtschaftlichkeit, Aggregatoren und Projektierer, digitale Geschäftsmodelle, Prozesse und Prosumenten, „und am Ende des Tages geht es auch um Transparenz, Effizienz und Kostenbewusstsein aller Art". Weil alles dynamisch und digital werde, gebe es nur wenige Dinge, die man dabei unterlassen könne. Sein Schluss ist knapp: „Man muss sich tatsächlich transformieren."

  • Andreas Piepenbrink beschreibt den Umbau über vier Megatrends: „vom Produkt zum System, vom Produkt zum Service, vom zentralen Versorger zu dezentralen Lösungsanbietern, von Monopol zu Plattformen". Jede dieser Bewegungen verschiebt Rollen und Erlösquellen und das bringe zwangsläufig Veränderungen mit sich. Wie Unternehmen diesen Weg gehen, ist für ihn eine strategische Entscheidung: Start-ups, der ganze M&A-Bereich und der Venture-Bereich seien dafür „ein gutes Mittel". Hinzu kommt ein Thema, das er bewusst dazustellt: „Man darf nicht vergessen, es geht ja auch um Nachhaltigkeit und Zirkularität." Diesen Anspruch verbindet er mit einer jüngeren Generation und einem neuen Verständnis von Arbeit. Der Gedanke, etwas mehrfach zu nutzen oder zu erneuern, sei faszinierend. Als Ingenieur würde er sagen, das sei perfekte Effizienz, aber es sei mehr als das, weil dabei Kreisläufe entstehen. Statt Gas, das durch den Auspuff geht, werde ein Rohstoff für Mobilität und Wärme effizienter eingesetzt.

  • „Mieterstrom ist schon etabliert mittlerweile", sagt Andreas Piepenbrink. Deutschland habe allerdings ein komplizierteres Energierecht als beispielsweise die Schweiz: Der deutsche Mieter hat Wahlrecht, „der kann sich auch dem Mieterstrom entziehen, man kann ihn nicht zwingen" und er hat Abrechnungsrecht. Der eigentliche Aufwand liegt für ihn in der Steuer. Man dürfe in Deutschland vielleicht ein Kunstwerk oder eine Flasche Wasser weiterverkaufen, „wenn du Energie weiterverkaufst, musst du die Energie besteuert weiterverkaufen. Das heißt, die Umlagen müssen drin sein, müssen konkret gezählt werden." Damit hängen Messwesen und Vertragswesen an jedem Mieterstrommodell, dazu kommen die Messkonzepte. Wie weit das gehen kann, zeigt ein Fundamentalansatz, den ein Freund von ihm in Hamburg umsetzt: Dort besitzt der Mieter tatsächlich die Teilanlage auf dem Dach und den Speicher im Keller, „ob das jetzt wirtschaftlich ist, sei mal dahingestellt". Erleichterung bringt Energy Sharing, denn der letztverbrauchende Mieter muss nicht mehr vollständig versorgt werden und kann zusätzlich Netzbezug von einem anderen Anbieter haben. „Und es macht's deutlich einfacher." Entscheidend ist für ihn ohnehin ein anderer Punkt: „Ich finde einfach wichtig, dass der Mieter auch was machen kann."

  • „Flexibilität bedeutet ja nichts anderes als Lastverschiebung", sagt Andreas Piepenbrink, und dafür braucht er Speicher auf allen Netzebenen. Als Grid-Scale-Speicher, um Strom zu liefern, wenn zu wenig da ist und wegzuspeichern, wenn zu viel da ist. Als Netzbetreiber, um Pufferkapazitäten zu haben und Lasten zu senken. Und im Gebäude, um zu dekarbonisieren. Mindestens die Hälfte des Stroms werde von den Erzeugern in den Markt verkauft und müsse dynamisch weiterverkauft werden, „das mache ich am besten mit Flexibilitäten". Praktisch heiße das, Autos zu laden und Wärmepumpen thermisch aufzuladen, „und dich nicht zu zwingen, die Kaffeemaschine anzustellen". Der verbreiteten Kostenannahme widerspricht er direkt: „Viele Leute denken, Speicher, das ist alles teuer." Er verweist auf den größten Batterieproduzenten CATL, der im kommenden Jahr 1000 Gigawattstunden produzieren werde, gut die Hälfte davon für Energiemärkte, während in Deutschland 50 oder 100 Gigawattstunden schon als sehr viel gelten. Bei sehr großen Speichern liege man bei „1 Cent pro Kilowattstunde Lebensdauerkosten", einem Bruchteil der Erzeugungskosten, und damit wesentlich effizienter als Wasserstoff.

  • Energy-as-a-Service hält Andreas Piepenbrink für interessant und nennt als Beispiel das Energie-Einspar-Contracting: Man spart dem Kunden durch intelligentes Energiemanagement Wärme und lässt sich anteilig dafür bezahlen, ein Modell, das auch in Frankreich populär sei. Bei Flatrates wird er deutlich: „Flatrates bin ich ein absoluter Gegner." Anders als eine Datenflatrate, die im Internet hochgradig Sinn mache, sei eine Flatrate bei Energie mit Vorsicht zu genießen, denn „du zahlst immer mehr als nötig" und „am Ende des Tages muss einer die Rechnung bezahlen". P2P-Stromhandel und On-Site-PPAs nennt er dagegen „den Knaller" und einen Renner, weil man von einem Produzenten Kontingente kaufen kann, zeitlich variabel oder nicht. Ganz ohne Einschränkung bleibt aber auch das nicht: In der Energiewirtschaft müsse man immer den Transport bezahlen, „von daher ist meine Begeisterungsfähigkeit für so was limitiert". Für Industriekunden sei es trotzdem ein Riesenhebel, weil sich Strompreise über solche Verträge deutlich reduzieren lassen. Und ein dynamischer Strompreis in einem dynamischen Netz sei selbst schon ein Service, sobald ein Energiemanagement ihn nutzbar macht: „Der Strom, der günstig ist, den verbrauchst du zu einem späteren Zeitpunkt."

  • Hier korrigiert Andreas Piepenbrink seine eigene frühere Einschätzung: „Hätte ich früher auch gesagt, da sind wir aber weit weg. Es ist mittlerweile Standard." Sein naheliegendstes Beispiel sind Roaming-Plattformen beim Laden. Man fährt zu einem Mobility-Service-Provider und kann trotzdem die eigene Karte benutzen. Dazu kommen Chargepoint-Operator-Plattformen und Transaktionsplattformen, bei denen es nicht darauf ankommt, wie der Strom eingekauft wurde, sondern nur, dass er erneuerbar oder günstig war. Das setzt allerdings mehrere Transaktionen pro Tag voraus, Intraday oder Day-Ahead. Hinzu kommen Cloud-Plattformen und Interoperabilitätsplattformen. E3/DC hat dafür die Energy Hub Alliance mitgegründet: „Wir glauben tatsächlich an eine Plattform, die herstellerübergreifend Datenstandards und Vertragsstandards schafft, weil alle mitmachen. Es ist ein bisschen altruistisch, aber ich glaube, das braucht es." Sein Fazit zu diesem Themenfeld ist eindeutig: „Das ist jetzt nicht fancy Zukunft, sondern es ist schon Marktstandard."

  • „Schwieriges Thema", sagt Andreas Piepenbrink und differenziert zuerst den Markt: Die Immobilienwirtschaft gibt es im Großen, Stichwort Vonovia, im Mittelstand und beim Privatmann. Was in allen Fällen fehlt, sind Prozesse und Projektierung. „Du kannst nicht alles über den Handwerker abwickeln, du brauchst auch professionelle Spezialisten", sagt er, weil ein Immobilienunternehmen sonst mehrfache Abhängigkeiten selbst managen müsste. Konkret heißt das: für Mieterstrom einen Dienstleister wie metergrid und wer Ladesäulen für Gäste oder Mieter anbieten will, braucht zusätzlich einen Abrechnungsdienstleister und einen Chargepoint Operator. Einfachere Fälle laufen über den erweiterten Solarteur, also Firmen, die Wärmepumpe, Photovoltaik und Speicher als Komplettlösung mit Energiemanagement anbieten. Abrechnung, Laden und Mieterstrom seien aber komplizierter und das biete nicht jeder Handwerksbetrieb an. Dazu kommt die Betriebsführung oder die Plattform, „und die kommt ja meist nicht von einem Hersteller. In unserem Fall schon. Das ist eher die Ausnahme." Ein Pendant zu KNX in der Hausautomation existiert für Energie nicht: Die ideale Lösung sei „eine schöne Wunschvorstellung".

  • Die Antwort fällt Andreas Piepenbrink leicht: „Unternehmerische Freiheit tut allen gut", und das ausnahmslos. Die Realität sieht er anders, denn „Deutschland leidet an Regulierungswut, an Staatsquote und an Übergriffigkeit". Sein Wunsch ist entsprechend deutlich: „Wir brauchen eher eine Offensive, die Bürokratie massenweise abzubauen und zu vereinfachen." Für die Energiewirtschaft macht er das an einem Beispiel fest, das jeder in der Branche kennt: „Ganz konkret in der Energiewirtschaft ist es leider so, die ist sehr kompliziert geworden. Siehe nur das EEG. Da blicken wir beide nicht durch, selbst wenn wir das jetzt ein Jahr lang durcharbeiten würden." Genauso nennt er Genehmigungsverfahren, Antragswesen und den Abbau von Vorschriften. Sein Befund: „Deutschland steckt da irgendwie fest." Früher seien die Deutschen dafür bekannt gewesen, etwas anzupacken und auch etwas zu reißen. Heute fehle im Verwaltungsbereich „so eine Aufbruchsstimmung".

Fazit aus dem Gespräch mit Andreas Piepenbrink von E3/DC

Das Gespräch mit Andreas Piepenbrink im Dings & Digital Podcast räumt auf. Vieles, was in der Energiewelt noch als Zukunftsthema verhandelt wird, läuft längst: Roaming und Transaktionsplattformen sind Marktstandard, Mieterstrom ist etabliert, und Speicher sind mit rund 1 Cent pro Kilowattstunde Lebensdauerkosten bei sehr großen Anlagen kein Kostenargument mehr. Umgekehrt hält er manche Modelle für fragwürdig, die auf dem Papier gut klingen. Energie-Flatrates lehnt er klar ab, und beim P2P-Stromhandel erinnert er daran, dass der Transport immer bezahlt werden muss.

Was bleibt, ist eine klare Reihenfolge: Ein Geschäftsmodell in der Energiewirtschaft muss sich rechnen, es muss im Alltag abrechenbar sein und es braucht jemanden, der es professionell projektiert und betreibt. Genau daran hängt es heute häufiger als an der Technik, ob aus einer guten Idee ein Angebot wird. Wer neue Erlösmodelle plant, sollte deshalb früh die unspektakulären Fragen stellen: Wer zählt, wer rechnet ab, wer haftet, und wie viel Regelwerk hängt daran?

Über die Autoren

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    Über Niklas Tüpker

    Niklas Tüpker ist Enthusiast für agile Softwareentwicklung. Als Business Manager im Bereich CleanTech bei slashwhy betreut er mit seinem Team vom Standort Osnabrück aus namhafte Kunden aus dem Energieumfeld und weiteren Industriezweigen. Seine Passion: Kunden und deren Business Case verstehen und durch großartige Software und partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu Fans machen!

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    Über Andreas Piepenbrink

    Andreas Piepenbrink ist CEO und Mitgründer von E3/DC, einem der führenden Anbieter für Hauskraftwerke und Energiespeicherlösungen in Deutschland. Unter seiner Leitung hat sich das Unternehmen zu einem wichtigen Treiber der dezentralen Energiewende entwickelt. Piepenbrink gilt als Verfechter intelligenter, vernetzter Systeme, die Erzeugung, Speicherung und Verbrauch optimal aufeinander abstimmen. Mit seinem tiefen Verständnis der Branche und einem klaren Blick für technologische Trends verbindet er wirtschaftliche Perspektiven mit dem Ziel, die Energiewende zuverlässig und bezahlbar zu gestalten.