Elektrifizierung der Logistik: Warum Reichweite nicht das größte Problem ist (DD#13)

Über 80 % der Lkw-Fahrten in Deutschland sind kürzer als 300 Kilometer und damit technisch längst elektrifizierbar. Im Dings & Digital Podcast erklärt Mark Hellmann-Regouby, Gründer und CEO von Electrofleet, warum trotzdem nicht die Reichweite, sondern Software, Wirtschaftlichkeit und fehlende Standards den Umstieg bremsen.

18. August 2026, vonNiklas Tüpker & Mark Hellmann RegoubyinPodcast & CleanTech

electrofleet im slashwhy Podcast

Laut Umweltbundesamt sind über 80 % der Lkw-Fahrten in Deutschland kürzer als 300 Kilometer und damit technisch problemlos elektrifizierbar. Trotzdem liegt der Anteil an Elektro-Lkw bei unter 2 %. Woran liegt das? Nicht an der Infrastruktur allein, sondern auch an fehlender digitaler Integration, fragmentierten Systemen und fehlenden Standards, wie Niklas Tüpker von slashwhy im Gespräch mit Mark Hellmann-Regouby einordnet. Hellmann-Regouby ist Gründer und CEO von Electrofleet und beschäftigt sich seit Jahren mit der wirtschaftlichen und technischen Seite der Flottenelektrifizierung. Im Dings & Digital Podcast erklärt er, warum die Reichweite von E-Lkw längst kein limitierender Faktor mehr ist und was stattdessen über Erfolg oder Misserfolg der Elektrifizierung entscheidet.

Hinweis: Diese Folge ist das erste von zwei Gesprächen zwischen Niklas Tüpker und Mark Hellmann Regouby.

  • Die wichtigste Erkenntnis: 

    Reichweite ist bei der Elektrifizierung von Logistikflotten nicht das entscheidende Hindernis. Entscheidend ist, ob Software Ladezeiten, Routenplanung und Netzlast so steuert, dass der Betrieb wirtschaftlich bleibt. Der Umstieg gelingt laut Mark Hellmann-Regouby nicht über Nachhaltigkeitsappelle, sondern nur, wenn die Total Cost of Ownership klar unter Diesel liegt, weshalb Finanzierungsmodelle wie die Verlagerung von Capex zu Opex genauso wichtig sind wie Technik.

Elektrifizierung der Logistik: Kontext und Relevanz

Die Ausgangslage, die Niklas Tüpker zu Beginn der Folge beschreibt, ist aufschlussreich: Über 80 % der Lkw-Fahrten in Deutschland sind kürzer als 300 Kilometer und damit grundsätzlich problemlos elektrifizierbar, trotzdem liegt der Anteil an Elektro-Lkw bei unter 2 %. Der Grund liegt laut Niklas Tüpker nicht nur in der Infrastruktur, sondern auch in fehlender digitaler Integration, fragmentierten Systemen und fehlenden Standards.

Genau hier setzt Mark Hellmann-Regoubys Perspektive im Podcast an. Für ihn ist die Komplexität der Flottenelektrifizierung vor allem eine Frage der Lastspitzen: Eine Flotte von 20, 30 oder 50 Lkw, die gleichzeitig laden will, erzeugt eine Nachfrage, die einer kleinen Stadt entspricht. In Deutschland gibt es laut Mark Hellmann-Regouby aktuell 3,3 Millionen registrierte Lkw. Würde man diese vollständig elektrifizieren, würde das rund 20 % zusätzlichen Strombedarf gegenüber dem heutigen Jahresverbrauch von 450 bis 500 Terawattstunden bedeuten, mindestens 100 Terawattstunden mehr. Diese Energie muss laut Mark Hellmann-Regouby erst erzeugt, dann an die richtigen Orte gebracht und schließlich wirtschaftlich bepreist werden.

Für Mark Hellmann-Regouby ist deshalb Software der entscheidende Hebel und die Grundlage dafür, dass sich Elektrifizierung für Logistikunternehmen überhaupt wirtschaftlich rechnet. Denn wie er im Podcast deutlich macht, entscheidet am Ende nicht der Wunsch nach Nachhaltigkeit, sondern die Total Cost of Ownership darüber, ob Unternehmen umstellen.

We all think about electric vehicles the way we treat our own EV, we get home, plug it in, we don't think about market conditions, we don't think about weather conditions. We just plug it in and let the utility think about everything behind getting the electrons into the battery. When you have a fleet of 20, 30, 40, 50 trucks, you will think about it, because if you just leave that risk at the socket with the electric company, they will charge you for that risk. [...] That's the reason software is so important. [...] It's all about utilization maximization.

Mark Hellmann Regouby, CEO von electrofleet

Fragen & Antworten aus der Folge Dings & Digital

  • Warum ist die Elektrifizierung von Lkw-Flotten so komplex?

    Bei der Umstellung einzelner Fahrzeuge auf Elektroantrieb geht es meist um überschaubare Stückzahlen. Bei Logistikflotten verändert sich die Dimension grundlegend, erklärt Mark Hellmann-Regouby im Dings & Digital Podcast. In Deutschland sind aktuell 3,3 Millionen Lkw registriert. Würde man diese vollständig elektrifizieren, „it's going to add roughly 20% on top of our current annual demand", so Mark Hellmann-Regouby. Der heutige Jahresverbrauch in Deutschland liegt zwischen 450 und 500 Terawattstunden, mindestens 100 Terawattstunden kämen laut seiner vorsichtigen Schätzung zusätzlich hinzu. Diese Energie müsse erst erzeugt, dann an die richtigen Standorte gebracht und schließlich wirtschaftlich bepreist werden: „First we have to generate that somehow. Second, we have to get it to those locations. And third, we need to price it in an economical way. That's the challenge."

  • Welche Rolle spielt Software im Flottenmanagement von Elektrofahrzeugen?

    Wer sein eigenes E-Auto zu Hause lädt, denkt selten über Marktpreise oder Netzlast nach. „We just plug it in and let the utility think about everything behind getting the electrons into the battery", beschreibt Mark Hellmann-Regouby dieses Verhalten. Bei einer Flotte von 20, 30 oder 50 Lkw funktioniert das nicht mehr, denn „if you just leave that risk at the socket with the electric company, they will charge you for that risk". Genau hier setzt Software an: Sie muss laut Mark Hellmann-Regouby unter anderem die Leistungsdaten des jeweiligen Fahrzeugs, den Ladezustand, den nächsten Einsatz und die geplante Route berücksichtigen. Am Ende geht es immer um dasselbe Ziel: „It's all about utilization maximization."

  • Welche Tools und Systeme werden benötigt, um Ladezeiten, Routenplanung und Energieverbrauch optimal zu steuern?

    Der Ausgangspunkt für jede sinnvolle Ladeplanung ist laut Mark Hellmann-Regouby immer die Routenplanung. Fuhrparkbetreiber haben grundsätzlich zwei Optionen: den Betrieb wie im Diesel-Zeitalter fortführen und das Laden nachträglich anpassen, oder die Abläufe von Grund auf auf die neue Realität des Ladens ausrichten. Entscheidend ist dabei, teure Ladezeiten zu vermeiden: „The worst thing you could possibly do is charge your trucks from 6 to 8 p.m. in the evening, or 6 to 8 a.m. in the morning. Those are our two peak periods of demand, you'll more than double your electricity cost by doing that." Im weiteren Gesprächsverlauf beschreibt Mark Hellmann-Regouby zudem, wie Electrofleet an Transportmanagementsysteme andockt, um Route, Ladezustand und Ankunftszeit vorherzusagen. Kommt es durch einen Stau zu Verspätungen, lässt sich die bereits eingekaufte Energie flexibel im gesamten Flottennetzwerk nutzen, statt ungenutzt zu verfallen: „We've got a truck in another city, let's just use that energy to charge that truck over there."

  • Gibt es Best Practices, wie Unternehmen ihre Flotten erfolgreich umgestellt haben?

    Für Mark Hellmann-Regouby gibt es einen zentralen Maßstab, an dem sich jede Umstellung messen lassen muss: „The holy grail everybody talks about is TCO, total cost of ownership." Darin fließen die Kosten für das Fahrzeug selbst, Wartung, Versicherung, Maut, Fahrpersonal und Energie ein. Logistik sei ein margenschwaches Geschäft, weshalb sich Unternehmen keine unwirtschaftlichen Entscheidungen leisten könnten, auch wenn der Wille zur Nachhaltigkeit vorhanden sei: „Yes, you want to be sustainable, no, you can't afford to do it." Die Gesamtkosten des Elektrofahrzeugs müssten daher spürbar unter denen eines Diesel-Fahrzeugs liegen, „and it needs to be significantly below diesel", so Mark Hellmann-Regouby, denn schon bei Kostengleichheit lohne sich der organisatorische Aufwand der Umstellung kaum.

  • Wo sollten Speditionen und Logistikdienstleister beim Einstieg in die Elektrifizierung konkret ansetzen?

    Am Anfang steht laut Mark Hellmann-Regouby immer die Frage nach dem eigenen Ziel: „I'd say the first question is: what's your goal?" Als naheliegenden Einstiegspunkt nennt er den klassischen Linienverkehr, feste, regelmäßig wiederkehrende Strecken innerhalb der heutigen Reichweite von rund 500 Kilometern. Danach wird die Ladeplanung zur zentralen Frage, abhängig davon, wie die Route endet. Bei Return-to-Base-Verkehren sei die Sache einfach: „That's beautiful, you charge at your own depot, trucks go out, use energy, come back, and charge up." Bei Depot-zu-Depot-Verkehren ist die Infrastruktur an beiden Enden bekannt und planbar, „you're in control of the infrastructure at both ends". Bei wechselnden Kundenstandorten wird es komplexer: „Then you have to do some planning", so Mark Hellmann-Regouby, insbesondere mit Blick auf verfügbare Lademöglichkeiten vor Ort.

  • Lohnt sich die Elektrifizierung für jedes Logistikunternehmen?

    Für Mark Hellmann-Regouby ist die Antwort eindeutig: „Without question. Absolutely. It's a matter of when." Als Beleg nennt er eine aktuelle Untersuchung zum Tesla Semi in den USA, der inzwischen unter einer Kilowattstunde pro Meile liegt, ein Wert, den er als „unheard of, shocking" bezeichnet. Damit Unternehmen den Schritt tatsächlich gehen, adressiert Electrofleet laut Mark Hellmann-Regouby gezielt die größte Einstiegshürde, die er von zahlreichen Gesprächen mit Fuhrparkverantwortlichen kennt: „Payback period and upfront investment cost." Das Unternehmen tritt dabei nicht nur als Energieanbieter auf, sondern auch als Finanzierer: „Not only are we an electricity supplier, we're a finance company. [...] We take capex and move it to opex, spreading it out over a long period, usually the life of the vehicle."

  • Welche Meilensteine und Hürden liegen auf dem Weg zur vollständigen Elektrifizierung der Logistik?

    Auf die Frage, welche Schritte als alleiniger Projektleiter der Energiewende nötig wären, nennt Mark Hellmann-Regouby zunächst keinen technischen, sondern einen mentalen Meilenstein: „We have to stop saying it can't be done, it can be done." Als Gegenbeispiel führt er Wasserstoff an, der jahrelang Investitionen in batterieelektrische Lkw verzögert habe, obwohl die Bilanz eindeutig sei: „You lose 70% of the energy by the time it gets to the wheels, whereas electric trucking is 97% efficient." Die aktuelle Marktsituation beschreibt er als eine Art Patt: Fahrzeughersteller warten auf große Bestellungen, Käufer auf niedrigere Preise, Energieversorger halten an ihren Tarifen fest. Electrofleet positioniert sich laut Mark Hellmann-Regouby bewusst als erster Akteur, der aus diesem Stillstand ausbricht: „We're kind of dumb enough to walk into that table and blink first, we're putting a stake in the ground, saying we will lower your cost of electricity and we will invest in your infrastructure."

Unser Fazit aus dem Gespräch mit dem electrofleet CEO

Das Gespräch mit Mark Hellmann-Regouby zeigt, dass die Debatte um E-Lkw an der falschen Stelle ansetzt. Reichweite ist technisch längst kein Hindernis mehr, wie auch die Ausgangszahlen zu Beginn der Folge belegen: Über 80 Prozent der Lkw-Fahrten in Deutschland sind kürzer als 300 Kilometer. Was den Umstieg tatsächlich bremst, sind fehlende digitale Integration, fragmentierte Systeme und eine Wirtschaftlichkeit, die für viele Speditionen noch nicht überzeugend genug ist.

Mark Hellmann-Regoubys zentrale Botschaft ist dabei so einfach wie unbequem: Nachhaltigkeit allein reicht als Argument nicht aus. Erst wenn die Total Cost of Ownership klar unter der eines Diesel-Fahrzeugs liegt, lohnt sich für Logistikunternehmen der organisatorische Aufwand der Umstellung. Software wird damit vom reinen Steuerungswerkzeug zur wirtschaftlichen Grundvoraussetzung, sie entscheidet über Ladezeiten, Routenplanung und letztlich darüber, ob sich ein elektrischer Lkw rechnet.

Gleichzeitig macht die Folge deutlich, wie festgefahren die Branche aktuell noch ist. Fahrzeughersteller, Flottenbetreiber und Energieversorger warten jeweils auf den ersten Schritt der anderen Seite. Mark Hellmann-Regoubys Fazit dazu ist unmissverständlich: Wer auf Belege wartet, dass sich die Elektrifizierung lohnt, wird lange warten müssen. Wer stattdessen den ersten Schritt macht, wie Electrofleet mit eigenen Investitionen in Ladeinfrastruktur und Finanzierungsmodellen, verschafft sich einen Vorsprung, den andere erst noch aufholen müssen.

Den vollständigen Dings & Digital Podcast mit Mark Hellmann-Regouby gibt es jetzt auf Spotify und Apple Podcasts.

Über die Autoren

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    Über Niklas Tüpker

    Niklas Tüpker ist Enthusiast für agile Softwareentwicklung. Als Business Manager im Bereich CleanTech bei slashwhy betreut er mit seinem Team vom Standort Osnabrück aus namhafte Kunden aus dem Energieumfeld und weiteren Industriezweigen. Seine Passion: Kunden und deren Business Case verstehen und durch großartige Software und partnerschaftliche Zusammenarbeit auf Augenhöhe zu Fans machen!

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    Über Mark Hellmann Regouby

    Mark Hellmann Regouby ist Gründer und CEO von ElectroFleet. Er verfügt über umfassende Erfahrungen in der Geschäftsentwicklung und im Management verschiedener internationaler Unternehmen. Mark ist ein patentierter Erfinder, Unternehmer und Manager, der sich darauf konzentriert, große Probleme mit bahnbrechenden Technologien zu lösen. Nachdem er bei Marken wie BASF, Bertelsmann, Philips, USA Olympics, Hasbro, NewsCorp und Microsoft Innovationen vorangetrieben hat, konzentriert sich Mark nun darauf, deutschen Unternehmen bei der Lösung klimatischer und wirtschaftlicher Herausforderungen beim Übergang zu einer kohlenstofffreien Energieversorgung zu helfen.