Innovation trotz Regulatorik? Wie die Energiewende unter deutscher Bürokratie gelingen kann – mit Jan Prochnow von CMBLU Energy (DD#12)
In dieser Folge Dings & Digital spricht Niklas Tüpker mit Dr. Jan Prochnow von CMBLU Energy darüber, wie Unternehmen im Energiesektor, einem der am stärksten regulierten Märkte, handlungsfähig bleiben.
CMBLU Energy im slashwhy Podcast
Deutschland will Technologiestandort bleiben und gilt zugleich als eines der am stärksten regulierten Industrieländer Europas. Gerade im Energiesektor treffen hohe Sicherheitsanforderungen, Normen und Genehmigungsprozesse auf großen Innovationsdruck. Die spannende Frage ist deshalb nicht, ob Regulierung existiert, sondern wie man innerhalb dieser Regeln erfolgreich vorankommt. Dr. Jan Prochnow, Executive Vice President Product bei CMBLU Energy, kennt dieses Spannungsfeld aus der täglichen Praxis. Im Gespräch erklärt er, warum der geübte Umgang mit Normen oft mehr zählt als deren reine Kenntnis und wie sich Compliance so organisieren lässt, dass sie zum Beschleuniger wird.
Hinweis: Diese Folge ist das zweite von drei Gesprächen zwischen Niklas Tüpker und Dr. Jan Prochnow.
Die wichtigste Erkenntnis:
In regulierten Märkten entscheidet nicht, wer die Normen am besten auswendig kennt, sondern wer ihren bewusst offen gehaltenen Interpretationsspielraum souverän nutzt und Compliance früh in die Entwicklung einbaut, statt sie als Prüfschritt ans Ende zu stellen.
Warum Regulierung im Energiemarkt kein Sonderfall ist
Der Energiesektor gehört zu den am stärksten regulierten Bereichen überhaupt und im Gespräch nennt Jan Prochnow dafür drei Gründe. Energie sei kritische Infrastruktur, so etwas wie die Lebensader der modernen Welt, mit unmittelbarem Einfluss auf wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftliche Ordnung. Hinzu komme das natürliche Monopol, niemand wolle, dass zwei oder drei Wettbewerber parallel Stromnetze aufbauen, weil das ineffizient wäre. Und drittens brauche die Transformation hin zur Elektrifizierung Regularien, die überhaupt erst eine wirtschaftliche Grundlage schaffen, damit sich der Umbau für private Unternehmen rechnet.
Für Unternehmen heißt das, Regulierung ist keine vorübergehende Hürde, sondern die dauerhafte Grundbedingung des Marktes. Genau hier setzt die Leitfrage an, die Niklas Tüpker gleich zu Beginn der Folge aufwirft. Die Frage sei nicht, ob Regulierung existiere, sondern wie man innerhalb dieser Regeln erfolgreich vorankomme. Und was stark regulierte Branchen wie HealthTech oder die Energiebranche dabei voneinander lernen könnten.
Das Stichwort ist Erfahrung. Erfahrung schlägt Regelkenntnis. Die Normen haben absichtlich einen gewissen Spielraum, und das Wissen, wie sie interpretiert werden, ist häufig wichtiger als die Kenntnis der Regeln selber.
Dr. Jan Prochnow, Executive Vice President Product bei CMBLU Energy
Fragen & Antworten aus der Folge Dings & Digital
Warum ist ausgerechnet der Energiesektor so stark reguliert? Und warum wird sich das nicht ändern?
Regulierung wirkt von außen oft wie eine Bremse, doch im Energiemarkt hat sie System. Dr. Jan Prochnow nennt im Dings & Digital Podcast drei Gründe. Der erste ist die Bedeutung von Energie selbst: „Energie ist kritische Infrastruktur, es ist so etwas wie die Lebensader der modernen Welt", mit unmittelbarem Einfluss auf wirtschaftliche Stabilität und gesellschaftliche Ordnung. Der zweite Grund ist das natürliche Monopol. Niemand wolle, dass zwei oder drei Wettbewerber parallel Stromnetze aufbauen, weil das schlicht ineffizient wäre.
Der dritte Grund ist die Energiewende selbst. Damit die Transformation hin zur Elektrifizierung überhaupt gelingt, braucht es aus Jan Prochnows Sicht Regularien, die eine wirtschaftliche Grundlage schaffen. „Um das wirklich zu erreichen, braucht es eben auch Regularien, damit diese Transformation für Privatfirmen rentabel funktionieren kann." Für Unternehmen folgt daraus, dass Regulierung keine vorübergehende Hürde ist, sondern die dauerhafte Grundbedingung des Marktes.
Was unterschätzen junge Technologieunternehmen, wenn sie in einen regulierten Markt eintreten?
Der häufigste Irrtum ist, Regulierung als reine Wissensfrage zu behandeln. Tatsächlich zählt der geübte Umgang mit den Normen mehr als deren Kenntnis, denn die Normen haben absichtlich einen gewissen Spielraum. Wer schon seit Jahrzehnten Batterien baut, hat laut Jan Prochnow eingespielte Praktiken, wie er diese Regeln auslegt. Ein Unternehmen mit wenig Batterie-Kompetenz in Europa dagegen steht vor einem großen Interpretationsspielraum und je nach Person werde unterschiedlich interpretiert.
Dazu kommt eine strukturelle Eintrittsbarriere, die selten mitgedacht wird. Schon der reine Zugang zu den anwendbaren Normen ist teuer. „Allein sie digital zu besetzen, kostet rund 50.000 Euro im Jahr. Und das ist für eine Firma, die noch keinen Batteriemarkt hat, einfach eine signifikante Einstiegsbarriere." Erfahrung im Interpretieren und der Zugang zu den Regeln sind damit die eigentlichen Hürden, nicht die Regeln selbst.
Wie bringt man trotz strenger Regulierung schnell Produkte auf den Markt?
Für Jan Prochnow liegt der Schlüssel darin, Compliance nicht als nachgelagerte Prüfung zu behandeln, sondern als Teil der Entwicklung. CMBLU überträgt dafür Prinzipien aus der Softwareentwicklung auf die Hardware, etwa nach dem Muster „Documentation as Code", bei dem die Dokumentation direkt beim Platinen-Layout mit entsteht. „Compliance wird in den Entwicklungsprozess integriert und das ist für uns der Schlüssel hin zur Geschwindigkeit." Regulatorik ist für ihn dabei ein Hygienefaktor: Sie muss erfüllt sein, aber übererfüllt hilft sie keinem, Perfektionismus bei Compliance ist also fehl am Platz.
Ein weiterer Hebel sind Sprachmodelle. CMBLU nutzt Large-Language-Modelle, um sowohl die Regeln zu erfassen als auch die Dokumentation zu erstellen und jeder im Unternehmen hat Zugang dazu. Gerade weil es wenig gewachsene Legacy gibt, lassen sich solche Werkzeuge schnell einführen. Genau darin sieht Jan Prochnow einen Wettbewerbsvorteil gegenüber etablierten Anbietern.
Wird Compliance zur eigenen Disziplin, oder ist sie Aufgabe des ganzen Unternehmens?
Die naheliegende Lösung wäre, Compliance an eine einzelne Abteilung zu delegieren. Jan Prochnow hält das im Podcast für einen Irrweg. Man kenne den Ansatz, dass es eine Abteilung gebe und die Entwicklung sage: „Jungs, macht mal jetzt Compliance." Sein Urteil ist eindeutig: „Wir wissen beide, so geht es nicht." Compliance müsse jeder im Unternehmen mitverantworten. Eine zentrale Funktion ergibt trotzdem Sinn, allerdings mit einer klaren Rollenverteilung. Ein Kompetenzzentrum solle unterstützen, „aber eben als Enablement und nicht als Gatekeeper". Prozesse, Dokumentation und Architektur gehören für ihn zwingend dazu, sobald es Richtung Produkt und Kunde geht. Reine Experimente und Hypothesentests belaste man dagegen bewusst nicht mit dem vollen Dokumentationsaufwand, damit Ausprobieren möglich bleibt.
Kann eine digitale Simulation physische Genehmigungsprozesse verkürzen?
Als Vorbild nennt Jan Prochnow Tesla. Der Hersteller sammle große Mengen an Trainingsdaten aus seinen Fahrzeugen und synthetisiere daraus weitere Daten, um noch mehr Trainingsdaten zu gewinnen und nutze das für die Compliance. Bei CMBLU ist Simulation überall eingebaut. „Für uns ist Simulation integraler Bestandteil von allem, was wir tun. Alle unsere Scrum-Teams haben im Rahmen ihrer T-Shape-Struktur einen Simulationsexperten", ergänzt durch Sensitivitätsanalysen und ein hypothesengetriebenes Vorgehen. Besonders wertvoll ist Simulation bei seltenen, aber folgenschweren Fällen. Statt auf sie zu warten, will Jan Prochnow sie vorwegnehmen. „Es gibt gewisse Fälle, die treten selten ein, aber wenn sie eintreten, haben sie eine hohe Tragweite und anstelle darauf zu warten, würden wir die lieber simulieren." Validierte Simulationen sollen so helfen, auch die eigentliche Validierung zu beschleunigen.
Lassen sich Praktiken aus der Softwareentwicklung auf die Hardware übertragen?
Hardware hat längere Vorlaufzeiten als Software, trotzdem lassen sich agile Prinzipien übertragen. Ein Beispiel ist erneut die Platinenentwicklung, bei der die Dokumentation direkt beim Design mit entsteht. „Hier können wir vieles, was dieses typische Documentation as Code ist, auf die Hardware-Entwicklung übertragen", sagt Jan Prochnow im Dings & Digital Podcast. Auch die Organisation ist entsprechend aufgebaut. „Unsere ganze Organisation ist in Scrum-Teams unterteilt, in Zwei-Wochen-Zyklen und Drei-Monats-OKR-Zyklen. Das heißt, wir versuchen trotz dieser Leadzeit von Hardware innerhalb von zwei Wochen Wert zu schaffen." Niklas Tüpker bringt es im Gespräch auf den Punkt, es sei Continuous Integration, übertragen auf Hardware. Jan Prochnows Antwort: „Genau so."
Kann man regulatorische Prozesse selbst digitalisieren und standardisieren?
Hier formuliert Jan Prochnow eine konkrete Idee. Bisher laufe Zertifizierung über PDF-Normen: Man lese die Norm, interpretiere sie, führe Experimente durch, erbringe Nachweise, dokumentiere alles in einem PDF und schicke es an die benannte Stelle. Sprachmodelle übernehmen inzwischen sowohl das Lesen als auch das Erstellen dieser Texte. Doch Jan Prochnow denkt weiter: „Ich frage mich, ob der nächste logische Schritt nicht ist, dass anstatt der Norm im PDF-Format Datenmodelle bereitgestellt werden", gegen die sich die Batterie prüfen lässt. Aus dem digitalen Zwilling der Batterie könne die Normstelle dann in Echtzeit Daten übernehmen und so eine „Continuous Certification" realisieren. Er markiert das ausdrücklich als offene Idee: „Ich weiß nicht, ob das möglich ist, das ist so meine Idee." Niklas Tüpker fasst es als Wandel vom PDF zur datenbasierten Compliance zusammen und Jan Prochnow stimmt zu, dass das viel Reibung aus dem System nehmen würde.
Was können stark regulierte Branchen voneinander lernen?
Der Ausgangspunkt ist ein Mangel. „Eine unserer großen Herausforderungen ist, dass wir in Europa schwierig Leute finden, die Erfahrung haben im Zertifizieren von Batterien", weil es keine florierende Batterieindustrie gibt. Also schaut CMBLU in andere Branchen. Besonders die Flugtaxi-Entwicklung habe sich als Quelle bewährt. „Für uns ist es ganz gut, weil wir in dem Markt rekrutieren konnten. Und die waren richtig stark darin, Geschwindigkeit und Regulatorik zusammenzubringen, weil sie genau diesen Softwaregedanken auf Hardware übertragen haben."
Auch das Gesundheitswesen dient als Vorbild. „Gerade Healthcare ist auch ein sehr stark regulierter Markt", in dem kleinere Unternehmen gute Mechanismen für den Umgang mit starren Normen entwickelt hätten. Was diese Leute mitbrächten, seien vor allem Pragmatismus und die Fähigkeit, sich in „zugegebenermaßen sehr trockene Normen" einzuarbeiten. Der Wissenstransfer zwischen regulierten Branchen wird so zum echten Vorteil.
Was muss sich ändern, damit Deutschland schneller wird?
„Es ist wichtig zu akzeptieren, dass wir in dem regulatorischen Werk, in dem wir sind, agieren müssen und es hilft nicht, sich darüber zu beschweren. Es ist einfach die Realität." Wer sich nur beschwere und wünsche, dass alles besser wäre, verliere vor allem Zeit. Die zweite Dimension ist politisch. Man solle so weit Einfluss nehmen, dass es zu einer Vereinfachung und Entbürokratisierung kommt. Ziel sei, „mit weniger Komplexität die Skalierung zu ermöglichen". Pragmatismus im bestehenden Rahmen und Einsatz für weniger Reibung im System gehen für Jan Prochnow Hand in Hand.
Wer die Regeln interpretieren kann, gewinnt
Am Ende des Gesprächs steht eine klare Botschaft. Regulierung im Energiemarkt ist gesetzt, und niemand kommt an ihr vorbei. Den Unterschied macht, wer sie beherrscht statt sie zu beklagen, wer Erfahrung im Umgang mit Normen aufbaut, Compliance früh in die Entwicklung holt und mit Simulation und Datenmodellen vorausdenkt. Genau darin liegt für Dr. Jan Prochnow die Chance, im regulierten Umfeld handlungsfähig zu bleiben.
Die ganze Folge mit Dr. Jan Prochnow gibt es im Dings & Digital Podcast auf Spotify und Apple Podcasts. Reinhören lohnt sich, wenn du wissen willst, wie Innovation und Regulierung zusammenfinden.

