Digitalisierung im Gesundheitswesen: Was es wirklich braucht
Pflegekräfte wollen am Patienten arbeiten, nicht gegen mittelmäßige digitale Tools. In dem von uns aufgezeichneten Gespräch treffen zwei Perspektiven aufeinander, die diesen Alltag kennen. Zwei Menschen, die früher direkt in der Versorgung gearbeitet haben und sich heute der Frage widmen, wie Digitalisierung im Krankenhaus sinnvoll, nutzbar und wirksam gestaltet werden kann.
Digitalisierung im Gesundheitswesen wird häufig aus strategischer oder technologischer Perspektive diskutiert. Was dabei oft fehlt, ist der Blick aus dem Versorgungsalltag. Wie fühlen sich digitale Lösungen für diejenigen an, die täglich mit ihnen arbeiten müssen? Und warum scheitern viele Initiativen weniger an der Technik als an fehlender Praxisnähe?
Konrad Fenderich und Lars Drücke-Thiele arbeiten heute an digitalen Lösungen für das Gesundheitswesen. Beide bringen eigene Erfahrungen aus der praktischen Versorgung mit und beschäftigen sich seit mehreren Jahren mit der Digitalisierung klinischer Prozesse. Im ersten von insgesamt vier aufgezeichneten Gesprächen haben sich die beiden Experten mit der Frage auseinandergesetzt, wie digital der Pflegealltag wirklich ist.
Die kurze Antwort: In der Praxis bleibt es oft zäh. Wie der ehemalige Krankenpfleger Lars berichtet, laufen in vielen Häusern mehrere Systeme nebeneinander, ohne verlässliche Schnittstellen. Das Ergebnis sind doppelte Eingaben, Unsicherheit (z. B. bei Allergien) und Dokumentation fern vom Point of Care – häufig erst spät oder gar nicht. Teams kompensieren das mit Workarounds und Telefonketten.
Die Experten sind sich einig, dass eine Digitalisierung der Prozesse dennoch der richtige Weg ist, denn in durchgängigen Informationsflüssen liegt großes Potenzial. Was es dafür braucht, benennen Konrad und Lars klar: verbindliche Standards, Prozesse vom Patienten aus gedacht und Einführungen, die Pflegekräfte wirklich beteiligen. Erst dann wird aus gut gemeinten Digitalprojekten spürbare Entlastung im Pflegealltag.
Hinweis: Dieses ist #1 von insgesamt 4 Gesprächen zwischen Konrad Fenderich und Lars Drüke-Thiele.
Wir haben wahnsinnig viele Insellösungen, aber keine Brücken dazwischen. Es gibt kaum kontinuierliche Datenflüsse, und deswegen ist es sehr schwierig, nur einmal etwas einzugeben und es später in einem System wiederzufinden. Das ist für die Arbeitsbelastung eine Katastrophe und für die Patientensicherheit ebenso. Ich weiß oft nicht, in welchem System was steht. Sagen wir: Allergien. Sind die Allergien tatsächlich vollständig in dem System, auf das ich gerade schaue, oder kann ich mich darauf nicht verlassen? Da stehen wir in Deutschland.”
Lars Drüke-Thiele, Senior Innovation Sales Manager Tiplu GmbH
Die Pflege ist teilweise digitalisiert, aber kaum vernetzt
Solange Systeme nicht miteinander sprechen, bleibt Digitalisierung Zusatzarbeit: doppelte Eingaben, Telefonketten, Dokumentation fern vom eigentlichen Point of Care. Das Problem sind weniger fehlende Tools als Interoperabilität und prozessorientierte Umsetzung.
Drei Fragen, die sich Entscheider:innen jetzt stellen sollten:
Binden wir unsere Pflegekräfte früh genug ein oder setzen wir ihnen fertige Lösungen vor?
Ermöglichen unsere Prozesse Dokumentation am Bett oder zwingen wir zur Nachdokumentation?
Verpflichten wir verbindliche Standards & Schnittstellen oder tolerieren wir Insellösungen?
Wenn die Antworten stimmen, wird Software zur Entlastung: weniger Doppelarbeit, weniger Telefonketten, Dokumentation im Patientenzimmer. So entstehen messbar mehr Minuten am Bett, sicherere Abläufe (z. B. bei Medikationsanordnungen) und spürbar zufriedenere Teams. Das ist die Grundlage dafür, dass Pflege bleibt, wofür sie angetreten ist: für den Menschen.


