Warum Datenerhebung allein die Pflege nicht entlasten wird
In der Pflege wächst der Dokumentationsaufwand, doch die Frage bleibt: Was wird aus all diesen Informationen? In unserem Gespräch treffen zwei Praktiker aufeinander, die sowohl Versorgung als auch Gesundheits-IT aus eigener Erfahrung kennen. Sie diskutieren, warum Datensilos, fehlende Standards und komplizierte Systeme den Mehrwert verhindern.
Lars’ These im Video-Podcast mit Konrad ist klar: Wir haben kein Datenproblem, wir haben ein Übersetzungsproblem.
Kliniken und Pflegeeinrichtungen erfassen heute so viele Datenpunkte wie nie zuvor. In der Praxis landen diese Daten jedoch häufig roh in den einzelnen Silos auf Station, im Krankenhauskontext und darüber hinaus auch sektoral und länderübergreifend getrennt. Der zentrale Grund dafür sind fehlende Schnittstellen und fehlende gemeinsame Standards. Solange Systeme nicht „eine Sprache sprechen“, bleibt der Zugriff auf Daten teuer, zäh und oft faktisch unmöglich.
Der naheliegende Ausweg heißt Interoperabilität, konkret der FHIR-Standard (steht für: Fast Healthcare Interoperability Resources). Lars bringt es pragmatisch auf den Punkt: Ein Blutdruck ist ein Blutdruck, egal ob er beim Hausarzt, im Krankenhaus oder in einer Pflegeeinrichtung erhoben wird. Erst wenn Daten einheitlich modelliert und strukturiert zugänglich sind, entsteht echter Erkenntnisgewinn: Dokumentation kann sich teilweise automatisieren, Registermeldungen müssten nicht mehr manuell abgeschrieben werden und datenbasierte Entscheidungshilfen könnten Risiken frühzeitig erkennen.
Auch die elektronische Patientenakte (ePA) sieht Lars grundsätzlich als Chance. Aktuell sei sie jedoch eher eine Sammlung von PDF-Dateien mit hohen Hürden bei Authentifizierung und Nutzung. Damit ePA & Co. tatsächlich wirken können, braucht es offene Schnittstellen, klare Standards und Clinical Data Repositories (CDRs), um Daten sauber zu bündeln und weiterzuverarbeiten. Entscheidend ist dabei: Software darf nicht am Reißbrett entstehen, sondern muss gemeinsam mit Pflegekräften entwickelt werden. Denn gute Software entsteht nicht im Labor, sondern im Alltag auf Station.
Weitere Themen, über die Konrad und Lars im Video-Podcast sprechen:
Wem gehören Gesundheitsdaten eigentlich und wer sollte über ihre Nutzung entscheiden?
Welche Daten sind in der Pflege wirklich kritisch für die Versorgung? Wnd welche werden vor allem aus Bürokratiegründen erhoben?
Warum werden wichtige Informationen selbst zwischen Krankenhäusern derselben Stadt nicht zuverlässig übertragen?
Welche Rolle kann die elektronische Patientenakte langfristig spielen und warum ist sie heute noch kein Gamechanger?
Hinweis: Dieses ist #2 von insgesamt 4 Gesprächen zwischen Konrad Fenderich und Lars Drüke-Thiele.
Wir haben kein Datenproblem. Die Pflege, Ärzte oder generell medizinische Mitarbeiter in sämtlichen Einrichtungen nehmen aktuell so viele Datenpunkte auf, wie noch nie zuvor. Die Frage ist, was machen wir mit diesen Datenpunkten und wo landen diese Datenpunkte überhaupt?”
Lars Drüke-Thiele, Senior Innovation Sales Manager Tiplu GmbH
Fazit: Kein Daten-, sondern ein Übersetzungsproblem
Die zweite Podcast-Folge mit Lars macht deutlich: Mehr Daten bedeuten noch lange nicht mehr Erkenntnis. In der Pflege und im Gesundheitswesen fehlt es nicht an Datenerhebung, sondern an Struktur, Übersetzung und Vernetzung. Solange Informationen roh in Silos liegen, entstehen weder Entlastung im Alltag noch bessere Entscheidungen für Patient:innen.
Der Schlüssel liegt in verbindlicher Interoperabilität, gemeinsamen Standards wie FHIR und einer Infrastruktur, die Daten sinnvoll bündelt und nutzbar macht. Die elektronische Patientenakte kann dabei eine zentrale Rolle spielen – aber nur, wenn sie sich von einer PDF-Ablage zu einem interoperablen, nutzerfreundlichen System weiterentwickelt. Das braucht Zeit, klare Leitplanken und den Mut, Systeme wirklich zu öffnen.
Gleichzeitig zeigt das Gespräch auch eine positive Perspektive: Automatisierung, Large Language Models und Clinical Decision Support haben das Potenzial, Pflege spürbar zu entlasten – vorausgesetzt, die Datenbasis stimmt. Gute Software entsteht dabei nicht im Labor, sondern gemeinsam mit Pflegekräften, nah an den realen Abläufen auf Station.
Die zentrale Botschaft von Lars ist klar: Erst wenn wir Daten verstehen, verbinden und sinnvoll nutzen, wird Digitalisierung vom Dokumentationsaufwand zum echten Werkzeug für bessere Versorgung.


