Light + Building 2026: Software wird zum Gebäude-Herzstück
Von Sustainable Transformation bis hin zu intelligent vernetzten Systemen: Auf der Light + Building 2026 in Frankfurt wurde deutlich, dass Gebäude zunehmend als digitale Gesamtsysteme gedacht werden. Unser Business Manager Thomas Adelmeyer war vor Ort und hat mit führenden Herstellern über Trends, Standards und die Rolle von Software gesprochen.
Das beschäftigt die Licht- und Gebäudetechnik aktuell
Die Light + Building 2026 in Frankfurt hat erneut ihre Rolle als Weltleitmesse für Licht und Gebäudetechnik unterstrichen. Mit 1.927 Ausstellern und 144.767 Fachbesucher:innen aus aller Welt wurde deutlich, wie stark die Branche in Bewegung ist. Architektur, Elektrohandwerk, Systemintegration, Industrie und Design treffen hier aufeinander und diskutieren über konkrete Lösungen für vernetzte Gebäude.
Dekarbonisierung, Digitalisierung, neue Energiequellen und veränderte Anforderungen an Wohnen und Arbeiten fordern die Branche gleichermaßen technologisch wie organisatorisch heraus. Diese Entwicklung bündelte die Messe in drei übergeordnete Leitthemen: Sustainable Transformation, Smart Connectivity und Living Light. Während Sustainable Transformation den Fokus auf energieeffiziente Systeme und intelligentes Energiemanagement legt, beschreibt Smart Connectivity den Weg hin zu vernetzten, interoperablen Gebäuden. Living Light wiederum zeigt, dass Digitalisierung nicht nur Effizienz bedeutet, sondern auch neue gestalterische und nutzerzentrierte Möglichkeiten eröffnet. So werden Nachhaltigkeit, Vernetzung und Nutzererlebnis nicht als getrennte Disziplinen gedacht, sondern als zusammenhängende Bausteine einer stärker softwaredefinierten Gebäudewelt.
Doch wie reagieren Hersteller konkret auf diese Entwicklung? Welche Rolle spielen offene Standards, Plattformstrategien und Software-Architekturen in der Praxis? In diesem Artikel fassen wir die wichtigsten Messeimpulse zusammen und lassen Unternehmen wie Siedle, ABB Busch-Jaeger und WAGO selbst zu Wort kommen.
Unser Video-Recap von der L+B 2026
Thomas Adelmeyer, Business Manager Gebäudetechnik, und Lukas Ottenhaus, People & Project Manager, von slashwhy teilen im Video ihre Highlights von der Light + Building 2026.
Unsere Gespräche auf der Light + Building 2026
Ein zentrales Thema in vielen Gesprächen war weniger das einzelne Produkt, sondern die strukturelle Neuausrichtung der Hersteller. Treiber dafür ist nicht nur technologische Innovation, sondern auch Regulierung. Energieeffiziente Gebäudetechnik wird zunehmend zum entscheidenden Hebel, um gesetzliche Vorgaben zu erfüllen. Statt ausschließlich über bauliche Sanierung oder Wärmedämmung nachzudenken, rückt die technische Gebäudeausrüstung stärker in den Fokus.
Demand-based Lighting oder bedarfsgerechtes Heizen sind dafür gute Beispiele. Licht wird nur dort aktiviert, wo Präsenz erkannt wird. Wärme wird nur dort bereitgestellt, wo sie tatsächlich benötigt wird. Solche Konzepte setzen jedoch voraus, dass Sensorik, Aktorik und Steuerungssysteme gewerkeübergreifend zusammenarbeiten.
Genau hier entstehen neue Potentiale durch die Vernetzung.
Viele Hersteller decken traditionell einzelne Gewerke ab, wie etwa Beschattung, Raumtemperaturregelung, Türkommunikation oder Schalterprogramme. Um energieeffiziente Gesamtlösungen zu realisieren, müssen diese Systeme jedoch interoperabel werden. Das treibt Standards wie Matter, Bluetooth Mesh oder Zigbee voran. Insbesondere Matter entwickelt sich sichtbar vom Smart-Home-Thema hin zu einem relevanten Baustein für breitere Gebäudetechnik-Szenarien. Gerade die Nachrüstung bestehender Gebäude spielt eine zentrale Rolle. Unterputz Aktoren oder smarte Zwischenmodule ermöglichen es, bestehende Installationen in vernetzte Systeme einzubinden, ohne die komplette Infrastruktur austauschen zu müssen. Damit wird Digitalisierung nicht nur im Neubau, sondern auch im Bestand realistisch skalierbar.
Parallel dazu stehen viele Hersteller vor einer internen Herausforderung: In den vergangenen Jahren sind separate Softwarelösungen für unterschiedliche Produktbereiche entstanden, z.B. eigene Systeme für Türkommunikation, separate Apps für Smart Home, isolierte Installations-Tools. Diese gewachsenen Strukturen stoßen spürbar an ihre Grenzen. Die Branche bewegt sich daher weg von Produktinseln hin zu Plattformarchitekturen. Funktionen, Daten und Services sollen gebündelt und übergreifend nutzbar werden.
Um die obengenannten Entwicklungen greifbarer zu machen, haben wir mit S. Siedle & Söhne, ABB Busch-Jaeger und WAGO gesprochen. Sie teilen uns ihre Perspektiven auf Vernetzung, Standards, Sicherheit und Nutzererlebnis.
Im Interview mit S. Siedle & Söhne
275 Jahre Unternehmensgeschichte treffen auf Digitalisierung und Innovation. Nils Eckard, Produktmanager Digital Services bei S. Siedle & Söhne, macht deutlich, dass Türkommunikation längst kein isoliertes Produkt mehr ist, sondern Teil einer digitalen Infrastruktur.
Mit einem IP-basierten System setzt Siedle auf eine netzwerkbasierte Architektur. Anlagen lassen sich remote warten, konfigurieren und aktualisieren. Neue Funktionen entstehen nicht mehr primär durch neue Hardwaregenerationen, sondern durch Software-Updates. Besonders sichtbar wird dieser Wandel im Mehrfamilienhaus. Klassische Klingelbretter mit dutzenden Tastern weichen digitalen Touch-Oberflächen.
Die eigentliche Herausforderung sieht Siedle jedoch nicht in der technischen Innovation, sondern im Überwinden von Gewerkegrenzen. Türkommunikation darf nicht länger isoliert neben Smart Home, Energie oder Zutrittskontrolle existieren, sie muss integrierbar sein.
Für Siedle steht fest: Gebäude werden künftig deutlich vernetzter sein. Technik wird nicht mehr segmentiert gedacht, sondern interaktiv und systemübergreifend. Die Hardware bleibt sichtbar, doch der eigentliche Mehrwert entsteht in der Software.
Im Interview mit ABB Busch-Jaeger
Am Stand von ABB Busch-Jaeger sprechen wir mit Carsten Mordos. Einen zentralen Trend sieht er darin, dass Endnutzer Systeme nicht mehr nur bedienen, sondern eigenständig konfigurieren möchten. Der Installateur übernimmt die technische Einrichtung, doch Anpassungen, Szenen und Automationen sollen im Alltag flexibel selbst verändert werden können, ohne erneuten Vor-Ort-Termin.
Ein besonders relevanter Aspekt ist das Thema Barrierefreiheit. Sprachsteuerung ist für viele junge Nutzer bereits selbstverständlich. Gleichzeitig eröffnet sie neue Möglichkeiten für Menschen mit eingeschränkter Mobilität. Wer bettlägerig ist oder im Rollstuhl sitzt, kann Raumtemperatur, Jalousien oder Licht per Sprache anpassen. Gebäudetechnik wird damit nicht nur komfortabler, sondern inklusiver.
Ein weiterer klarer Wunsch aus dem Markt: weniger Komplexität. Kund:innen möchten nicht mehrere Apps für Licht, Musik, Beschattung und Türkommunikation nutzen. Plattformintegration bedeutet deshalb vor allem eines: Systeme so miteinander zu verbinden, dass für den Nutzer eine konsistente Bedienwelt entsteht. Die eigentliche Herausforderung für Hersteller besteht darin, Lösungen von Drittanbietern und Sprachassistenten so einzubinden, dass die technische Komplexität im Hintergrund aufgelöst wird und der Nutzer im Alltag eine möglichst einfache und intuitive Bedienung erlebt.
Im Interview mit WAGO
Jannik Reinhold, Head of Product Management Residential Automation bei WAGO, zeigt uns auf der Light + Building das Portfolio für die Wohngebäudeautomation mit einem klaren Fokus auf den Matter-Standard.
Was lange als Zukunftsvision diskutiert wurde, wird zunehmend Realität: Ein gemeinsamer Standard, hinter dem sich große Ökosysteme wie Apple, Google oder IKEA versammeln. Für Hersteller bedeutet das einen strategischen Kurswechsel weg von proprietären Insellösungen und hin zu Interoperabilität.
Dabei geht es nicht nur um Vernetzung, sondern ebenso um Sicherheit. Die Produkte sind VDE-zertifiziert, nach IEC 62443 entwickelt und erfüllen Anforderungen des Cyber Resilience Act.
Ein entscheidender Punkt ist der Übergang vom Installateur zum Endnutzer. Viele Smart-Home-Systeme scheitern weniger an der Technik als an der Übergabe: Wer darf was konfigurieren? Wie werden Rechte sauber übertragen? Wie bleibt das System verständlich? WAGO adressiert genau diese Schnittstelle zwischen Installation und Nutzung mit einem Prozess, der technische Sicherheit und Bedienfreundlichkeit zusammenbringt.
Unser Fazit von der Light + Building 2026?
Nach diesen intensiven Messetagen bleibt vor allem ein Eindruck: Die Gebäudetechnik wird nicht mehr primär über einzelne Produkte definiert, sondern über ihre Fähigkeit zur Integration.
Standards wie Matter gewinnen spürbar an Dynamik, nicht als Marketingversprechen, sondern als strategische Grundlage für interoperable Systeme. Gleichzeitig wird deutlich, dass Vernetzung allein nicht ausreicht. Entscheidend ist, wie gut Systeme zusammenspielen, wie einfach sie bedienbar bleiben und wie sicher ihre digitale Architektur gestaltet ist. Software rückt dabei ins Zentrum und entscheidet darüber, ob aus einzelnen Komponenten ein funktionierendes Gesamtsystem entsteht.
Gebäude werden künftig nicht nur energieeffizienter oder komfortabler sein. Sie werden stärker integriert, updatefähig und datengetrieben gedacht. Die eigentliche Herausforderung liegt darin, Komplexität technisch zu ermöglichen und sie gleichzeitig für Installateur:innen und Endnutzer unsichtbar zu machen. Die Frage ist nicht mehr, ob sich Gebäude vernetzen. Sondern wie gut diese Vernetzung gestaltet wird.
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