Deutschlands Life Sciences im internationalen Wettbewerb: Eine Standortanalyse

Konrad Fenderich von slashwhy tauscht sich mit Oliver Schacht von Life Science Nord über die globale Wettbewerbsfähigkeit des Life-Science-Standorts Deutschland aus. Diskutiert werden politische Rahmenbedingungen, Gründungsdynamiken und der Übergang von Forschung in unternehmerische Anwendung.

18. März 2026, vonKonrad Fenderich, Oliver Schacht & Johannes KaschinHealthTech

Im Gespräch zwischen Konrad und Oliver Schacht, Vorstandsvorsitzender von Life Science Nord, geht es um die konkreten Bedingungen, unter denen Forschung, Gründung und unternehmerische Entwicklung in den Life Sciences heute stattfinden.

Oliver Schacht bringt dabei sowohl die Perspektive der Clusterarbeit als auch eigene Erfahrungen als Gründer mit internationalem Hintergrund ein. Gemeinsam ordnen sie ein, wie sich Deutschland im Vergleich zu anderen Forschungsstandorten positioniert und welche Verschiebungen aktuell sichtbar werden, etwa durch politische Unsicherheiten in den USA oder neue Dynamiken innerhalb Europas.

Ein zentraler Punkt ist die Bedeutung von Planbarkeit in der Forschung. Gerade in den Life Sciences sind lange Entwicklungszyklen üblich, weshalb stabile politische und finanzielle Rahmenbedingungen eine große Rolle spielen. Diese werden im Gespräch insbesondere im internationalen Vergleich thematisiert.

Mit Blick auf Norddeutschland beschreibt Oliver ein leistungsfähiges Ökosystem aus Hochschulen, Kliniken, Forschungseinrichtungen und Start-ups, das im nationalen und internationalen Wettbewerb steht. Das Gespräch schafft damit die Grundlage für eine vertiefende Auseinandersetzung mit der Frage, wie attraktiv der Life-Science-Standort Deutschland heute ist und welche Entwicklungen künftig entscheidend werden.

Hinweis: Dieses ist #1 von insgesamt mehreren Gesprächen zwischen Konrad Fenderich und Oliver Schacht.

Fragen & Antworten aus dem Interview

Wie steht Deutschland im internationalen Vergleich im Bereich Life Sciences da – insbesondere im Vergleich zu den USA und anderen Forschungsstandorten?

Oliver Schacht beschreibt die aktuellen Entwicklungen in den USA als weitgehend landesspezifisch. „Das ist, glaube ich, ein relativ US-spezifisches Thema“, sagt er mit Blick auf politische Eingriffe in die Forschungsförderung. Die Unsicherheit wirke sich nicht nur auf die universitäre Forschung aus, sondern zunehmend auch auf Industrie, Zulieferer und Investitionen im Life-Science-Umfeld.

Für Europa sieht Schacht darin eine Chance. Forschungsförderung werde hier weiter ausgebaut, vor allem aber biete Europa mehr Planbarkeit. „Wenn ich in der Forschung in den Life Sciences unterwegs bin, bin ich gewohnt, dass meine Innovationszyklen viele Jahre, manchmal ein Jahrzehnt oder mehr dauern“, erklärt er. Dafür brauche es „verlässliche Rahmenbedingungen“ – ein Punkt, bei dem Europa aktuell im Vorteil sei.

Im internationalen Vergleich verweist Schacht zudem auf China, das in den vergangenen Jahren stark aufgeholt habe, sowie auf europäische Standorte wie Dänemark, Frankreich, Österreich und das Vereinigte Königreich. Deutschland sieht er in diesem Umfeld grundsätzlich gut positioniert, insbesondere aufgrund seiner starken Forschungslandschaft.

Sind die aktuellen Kürzungen und Unsicherheiten bei Forschungsgeldern in den USA ein globaler Trend oder eine US-spezifische Entwicklung?

Oliver Schacht beschreibt die Situation in den USA als Folge politischer Entscheidungen. Die dortige Regierung greife „ganz massiv in Forschungsgelder ein“, was sich direkt auf Universitäten und Forschungseinrichtungen auswirke. Forschungsprojekte ließen sich schwerer finanzieren, Fördermittel seien schwieriger zu akquirieren.

Diese Unsicherheit betreffe auch die Industrie. Schacht berichtet, dass Hersteller von Reagenzien, Tools, Geräten und Laborautomatisierung die Zurückhaltung deutlich spürten. Weil weniger Mittel in der Forschung zur Verfügung stünden, laufe auch die Nachfrage „sehr zögerlich“ oder sei teilweise rückläufig.

Für die USA sei das eine strukturelle Belastung, da Life-Science-Forschung auf langfristige Planung angewiesen sei. In einem politischen Umfeld, in dem nicht klar sei, „was nächste Woche noch gilt“, lasse sich Forschung nur schwer verlässlich betreiben.

Was braucht es an Rahmenbedingungen, um Forscher:innen in Deutschland zu halten oder aus dem Ausland zurückzugewinnen?

Für Oliver Schacht geht es dabei weniger um kurzfristige Anreize als um grundlegende Verlässlichkeit. Entscheidend sei, dass Forschende ihre Arbeit langfristig planen können. „Wir brauchen vor allen Dingen Verlässlichkeit, Planbarkeit, Sicherheit, Planungssicherheit“, sagt er. In den Life Sciences seien lange Innovationszyklen normal, oft über viele Jahre hinweg. Dafür brauche es stabile politische und finanzielle Rahmenbedingungen.

Ein unmittelbares Ziel sei aus seiner Sicht zunächst, den Abfluss von Talenten zu stoppen. Es würde Deutschland schon helfen, „wenn der Exodus aus Deutschland ein Stück weit gestoppt wird“, also wenn junge Forschende nach Promotion oder Professur nicht automatisch ins Ausland gingen. Gleichzeitig beobachtet Schacht auch eine wachsende Bereitschaft zur Rückkehr. Er berichtet von deutschen Wissenschaftler:innen, die nach vielen Jahren in den USA ernsthaft darüber nachdenken, wieder nach Deutschland zu kommen – nicht zuletzt aufgrund der dortigen Unsicherheiten.

Als Standortvorteil sieht Schacht die vergleichsweise stabile politische Situation in Europa. In einem Umfeld, in dem sich Rahmenbedingungen ständig ändern, lasse sich Forschung nicht seriös betreiben. „Damit kann ich Life-Science-Forschung nicht planen und nicht betreiben“, sagt er mit Blick auf politische Volatilität. Genau hier könne Deutschland punkten – nicht durch perfekte Bedingungen, sondern durch Berechenbarkeit.

Warum gelingt der Transfer von exzellenter Forschung in Gründungen und marktfähige Anwendungen in Deutschland so oft nur schleppend?

Oliver Schacht sieht die Ursachen weniger in der Qualität der Forschung als in den Strukturen danach. Deutschland sei nach wie vor „weltspitze in der Grundlagenforschung“, sowohl an Universitäten als auch in außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Der Engpass entstehe vor allem beim Übergang in Gründung und industrielle Anwendung.

Ein zentrales Problem sei das Mindset. In den USA sei es selbstverständlich, dass Forschende Teil von Ausgründungen sind und aktiv am Technologietransfer mitwirken. „Das ist völlig normal und auch gewünscht und gewollt“, sagt Schacht. In Deutschland hingegen tue man sich bis heute schwer damit, Gründung als gleichwertige Aufgabe neben Forschung und Lehre zu etablieren.

Hinzu kämen strukturelle Hürden. Vertragsprozesse zwischen Universitäten und Start-ups seien häufig langwierig und individuell ausgehandelt. Schacht beschreibt, dass es teilweise Monate dauere, um einfache Vertraulichkeitsvereinbarungen abzuschließen, und bis zu ein Jahr oder länger, um Lizenzverträge zu verhandeln. Für junge Unternehmen seien solche Zeiträume kaum tragbar.

Auch der Zugang zu Kapital spiele eine zentrale Rolle. Während staatliche Förderprogramme den Einstieg erleichtern könnten, fehle es beim Skalieren häufig an privatem Kapital. Große Wachstumsrunden ließen sich nur mit privaten Investor:innen stemmen – diese für komplexe Life-Science-Themen zu gewinnen, bleibe eine der größten Herausforderungen.

Was macht Norddeutschland als Life-Science-Standort besonders attraktiv und wo besteht noch Nachholbedarf?

Oliver Schacht beschreibt Norddeutschland als einen Standort mit starken inhaltlichen Voraussetzungen. Im Einzugsgebiet von Life Science Nord gebe es acht Hochschulen, 14 Forschungseinrichtungen sowie leistungsfähige Universitätskliniken wie das UKE und das UKSH. Letzteres sei nach der Charité „das zweitführende Forschungskrankenhaus der Republik“. Hinzu kämen international einzigartige Einrichtungen wie DESY oder der European XFEL, an denen Forschung möglich sei, „die an sehr wenigen Orten der Welt überhaupt technisch durchführbar ist“.

Neben der Forschungsinfrastruktur nennt Schacht auch weiche Standortfaktoren. Lebensqualität, internationale Anbindung und ein wachsendes Start-up-Umfeld spielten eine wichtige Rolle, um Talente anzuziehen und zu halten. Der Mix aus Forschung, klinischer Anwendung und Lebensumfeld stimme.

Gleichzeitig spricht er offen über Schwächen. Im Vergleich zu Standorten wie München oder Heidelberg gebe es in Norddeutschland deutlich weniger Venture-Capital-Firmen vor Ort. Investoren müssten aktiv aus anderen Regionen nach Hamburg oder Schleswig-Holstein geholt werden. Genau darin sieht Schacht einen zentralen Auftrag von Life Science Nord.

Ein weiterer Punkt sei die mangelnde Sichtbarkeit. Norddeutschland tue sich historisch schwer damit, eigene Stärken selbstbewusst zu kommunizieren. „Wir sind nicht besonders gut darin, tolle Sachen nach außen zu tragen“, sagt Schacht. Dieses hanseatische Understatement sei angenehm im Alltag, wirke im internationalen Wettbewerb aber eher bremsend.

Wir brauchen vor allen Dingen Verlässlichkeit, Planbarkeit und Sicherheit. Wenn ich in der Forschung in den Life Sciences unterwegs bin, bin ich gewohnt, dass meine meine Forschung, meine Innovationszyklen, viele Jahre, manchmal ein Jahrzehnt oder mehr dauern. Da brauche ich verlässliche Rahmenbedingung und nicht einen Präsidenten und ein politisches Umfeld, wo ich heute nicht weiß, was nächste Woche noch gilt und aktuell ist.”

Oliver Schacht, Vorstandsvorsitzender Life Science Nord

Viel Substanz, wenig Tempo?

Das Gespräch zeigt, dass Deutschland im Bereich der Life Sciences über sehr starke Grundlagen verfügt, diese aber nicht konsequent in Gründung und Wachstum überführt. Exzellente Forschung und stabile Rahmenbedingungen treffen auf langsame Prozesse, hohe Bürokratie und begrenzten Zugang zu privatem Kapital. Oliver Schacht macht deutlich, dass Sichtbarkeit, Planbarkeit und ein veränderter Umgang mit Gründung zentrale Hebel sind, um das vorhandene Potenzial besser zu nutzen.

Über die Autoren

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    Über Konrad Fenderich

    Konrad Fenderich ist Business Manager bei slashwhy. Er begleitet digitale Projekte im Gesundheitswesen mit strategischem Weitblick und einem klaren Blick für die Realität im Klinik- und Versorgungsalltag. Seine Erfahrung aus der Physiotherapie, Klinik sowie aus internationalen Beratungsprojekten fließt in Lösungen ein, die technologische Innovation und Praxisnähe vereinen. Für ihn zählt vor allem, dass Software in der Praxis funktioniert und so gestaltet ist, dass sie die Arbeit von Fachkräften spürbar erleichtert.

  • Foto von Oliver Schacht vom Life Science Nord - als Gast im slashwhy Video Podcast

    Über Oliver Schacht

    Oliver Schacht ist Vorstandsvorsitzender von Life Science Nord und seit vielen Jahren eine prägende Stimme im norddeutschen Life-Sciences-Ökosystem. Er vernetzt Unternehmen, Forschung und Politik mit dem klaren Ziel, Innovationen aus den Bereichen Biotechnologie, Medizintechnik und Pharma erfolgreich in die Anwendung zu bringen. Zuvor war er selbst Unternehmer und Investor und kennt die Perspektiven von Start-ups ebenso wie die Anforderungen etablierter Akteure. Sein Fokus liegt darauf, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen wissenschaftliche Exzellenz in nachhaltige Wertschöpfung übersetzt werden kann.

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    Über Johannes Kasch

    Komplizierte Themen aus der Digitalwirtschaft möglichst einfach erklären und emotional aufladen: Diese Mission verfolgt Johannes in seiner täglichen Arbeit bei slashwhy. Mit 10 Jahren Erfahrung in Content- und Growth Marketing unterstützt der studierte Kommunikationswissenschaftler unsere Branchenexpert:innen beim Vermitteln von Fachwissen oder gibt unseren Leser:innen Einblick in spannende Software-Projekte – immer mit einem Fokus auf Storytelling statt Buzzwords.