Digital nach Vorne: Was die Baubranche von der Landtechnik lernen kann

Viele Baumaschinen sind heute bereits digital ausgestattet. Doch ihr volles Potenzial entfalten sie erst, wenn Daten, Software und Systeme zusammen gedacht werden. Ein Blick in die Landtechnik zeigt, wie genau das gelingen kann. Wir teilen fünf konkrete Learnings für die Baubranche.

17. April 2026, vonJanna Spanke, Peter Riedemann & Johannes KaschinAgriTech

Solider Fortschritt & viel Potenzial

Die Digitalisierung von Baumaschinen ist längst kein Zukunftsthema mehr. Auf vielen Baustellen werden heute kontinuierlich Maschinendaten erfasst, Prozesse digital unterstützt und erste vernetzte Anwendungen eingesetzt. Gleichzeitig zeigt sich im Branchenvergleich ein deutlicher Unterschied in der Tiefe dieser Entwicklungen.

Schauen wir z. B. auf die Landtechnik. Hier sind digitale Technologien seit Jahren fester Bestandteil der Maschinen und ihrer Nutzung. Bereits 90 % der landwirtschaftlichen Betriebe setzen mindestens eine digitale Technologie ein, viele davon direkt integriert in die eingesetzten Landmaschinen und in Form von GPS-gesteuerten Systemen (69 %) oder softwaregestützten Managementlösungen (46 %).

Im Baugewerbe fällt dieses Bild differenzierter aus. Im Digitalisierungsindex der deutschen Wirtschaft erreicht die Branchengruppe Baugewerbe, Ver- und Entsorgung im Jahr 2024 67,6 Punkte und liegt damit deutlich unter dem branchenübergreifenden Durchschnitt von 112,5 Punkten. Gleichzeitig geben 82 % der Bauunternehmen an, dass ihnen das notwendige Wissen fehlt, um digitale Potenziale systematisch zu erschließen.

Unserer Einschätzung nach liegt der große Unterschied im Digitalisierungsindex nicht in der Verfügbarkeit von Technologie, denn diese ist vorhanden. Viel eher liegt die Abweichung und damit verbunden der Stand der Digitalisierung im Baugewerbe darin, wie konsequent Software, Daten und Systeme in die Maschinen und ihre Nutzung integriert werden.

Deshalb lohnt sich ein neugieriger Blick auf die Landtechnik

In der Landtechnik wurde Digitalisierung früh als Zusammenspiel aus Maschine, Software und Daten aufgebaut. Viele Hersteller haben ihre Systeme so entwickelt, dass Telemetrie, Betriebsdaten und Anwendungen von Anfang an ineinandergreifen. Entsprechend sind Funktionen wie GPS-Steuerung, automatische Dokumentation oder Assistenzsysteme heute fest in den Maschinen verankert.

Der Unterschied zeigt sich vor allem im Umgang mit Daten. In der Landtechnik werden sie nicht nur erfasst, sondern konsequent weiterverwendet. Daten fließen direkt in Anwendungen, unterstützen Entscheidungen und bilden die Grundlage für zusätzliche Services. Die Maschine wird damit Teil eines größeren Systems.

Dieser Zustand ist das Ergebnis eines längeren Prozesses. Über Jahre wurden immer mehr Funktionen integriert, die Bedienung wurde komplexer, und viele Systeme waren nur mit entsprechendem Fachwissen der Landwirte sinnvoll nutzbar. Genau an diesem Punkt setzen Landmaschinenhersteller aktuell an und vereinfachen die Nutzung, sodass viele Einstellungen und Entscheidungen nicht mehr manuell getroffen werden müssen, sondern automatisch im Hintergrund erfolgen.

Viele der Themen, die heute in der Baumaschinenindustrie diskutiert werden, sind in der Landtechnik bereits weiter entwickelt. Gleichzeitig macht die Branche sichtbar, welche Zwischenschritte auf diesem Weg entstehen und wie sich daraus tragfähige Lösungen entwickeln lassen. Für Baumaschinenhersteller entsteht daraus eine echte Chance: Sie können auf erprobte Ansätze aufbauen, Erfahrungen gezielt nutzen und ihre eigenen Entwicklungen von Anfang an klarer und schneller vorantreiben.

Learning #1

Telemetrie strategisch als Plattform denken

In der Agrartechnik hat sich Telemetrie von einem reinen Monitoring-Feature zu einer zentralen Grundlage für digitale Plattformen entwickelt. Maschinendaten werden von Anfang an so gedacht, dass darauf weitere Anwendungen und Services aufbauen können.

Der entscheidende Unterschied zur Baubranche liegt im Ansatz: Telemetrie ist kein Feature, sondern die Basis für ein System. Damit verschiebt sich auch die Perspektive. Die Frage „Welche Daten erfassen wir?“ wird ersetzt durch „Welche Möglichkeiten entstehen auf Basis dieser Daten?“.

Systeme wie PÖTTINGER CONNECT zeigen, wie Telemetrie über reines Monitoring hinausgeht. Maschinendaten werden automatisch erfasst, über standardisierte Schnittstellen übertragen und direkt in übergeordnete Systeme integriert. Dadurch entsteht ein durchgängiger Datenfluss, auf dessen Basis Anwendungen wie automatische Dokumentation oder optimierte Einsatzplanung überhaupt erst möglich werden.

Learning #2

Skalierbare Architektur berücksichtigen

Sobald erste Anwendungen entstehen, entscheidet die zugrunde liegende Architektur über die weitere Entwicklung. Systeme, die historisch wachsen, stoßen schnell an Grenzen: Neue Funktionen lassen sich nur mit Aufwand integrieren, Updates werden komplex und Skalierung schwierig.

In der Landtechnik wurden Themen wie Edge-Cloud-Anbindung oder OTA-Updates früh als Teil einer übergreifenden Architektur gedacht. Das sorgt dafür, dass neue Funktionen nicht jedes Mal neu gebaut werden müssen. Stattdessen können sie auf bestehenden Strukturen aufsetzen. Das bedeutet auch: Wer früh die richtigen Architekturentscheidungen trifft, schafft die Grundlage dafür, Systeme langfristig weiterzuentwickeln, ohne sie regelmäßig neu aufsetzen zu müssen.

Learning #3

Auf offene Schnittstellen setzen

Mit zunehmender Vernetzung steigt die Bedeutung von Schnittstellen. In realen Einsatzszenarien arbeiten Maschinen selten isoliert. Sowohl auf dem Feld als auch auf der Baustelle sind gemischte Flotten üblich. Der Ansatz, als Maschinenbauer bewusst auf geschlossene Ökosysteme zu setzen, hat sich nur in seltenen Ausnahmefällen bewiesen.

In der Landtechnik haben sich offene Schnittstellen und einheitliche Kommunikationsstandards als entscheidender Hebel etabliert, um Maschinen in größere Systeme einzubinden und Daten zwischen Anwendungen nutzbar zu machen. Das betrifft nicht nur Maschinen untereinander, sondern auch die Anbindung an übergeordnete Systeme wie Flottenmanagement, Planung oder Dokumentation. Erst durch diese Integration entsteht ein durchgängiger Datenfluss.

Die Anbindung an standardisierte Plattformen wie den agrirouter macht deutlich, wie wichtig offene Schnittstellen in der Praxis sind. Maschinendaten können dadurch herstellerübergreifend ausgetauscht und in unterschiedliche Systeme integriert werden.

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Die Digitalisierung in der Baubranche steht absolut nicht am Anfang. Ich würde eher sagen, dass Baumaschinenhersteller an einem Wendepunkt stehen. Die technischen Grundlagen sind in vielen Fällen bereits vorhanden. Entscheidend ist jetzt, wie diese Bausteine zusammengeführt werden. Unsere Erfahrung aus der Landtechnik zeigt: Wer Daten früh als Plattform denkt, Architektur sauber aufsetzt und Schnittstellen konsequent öffnet, schafft die Grundlage für skalierbare Lösungen. Genau das entscheidet darüber, ob aus einzelnen digitalen Funktionen ein System entsteht, das langfristig tragfähig ist.

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Peter Riedemann

Business Manager AgriTech bei slashwhy

Learning #4

Betriebsdaten in konkrete Services übersetzen

Auf dieser Grundlage entstehen in der Agrartechnik Anwendungen, die direkt im Alltag genutzt werden. Betriebsdaten werden gezielt eingesetzt, z. B. für automatisierte Dokumentation, Feld- und Boden-Analysen oder Entscheidungsunterstützung.

Cloudbasierte Plattformen wie CLAAS connect oder das John Deere Operations Center zeigen, wie dieser Schritt umgesetzt wird. Daten aus Maschinen und Arbeitsprozessen werden hier zentral zusammengeführt und so aufbereitet, dass sie unmittelbar für Analyse, Dokumentation und Planung genutzt werden können. Aus einzelnen Datenpunkten entsteht dadurch ein System, das Entscheidungen unterstützt und Abläufe verbessert.

Ein weiteres Beispiel für den operativen Einsatz: Lösungen wie Exatrek erfassen Maschinenbewegungen automatisch, dokumentieren Einsätze in Echtzeit und liefern kontinuierlich Informationen zu Auslastung, Verbrauch oder Wartungsbedarf. Auch hier entsteht der Mehrwert nicht durch die Daten selbst, sondern durch ihre Anwendung im Kontext konkreter Aufgaben. Erst wenn Daten in solche Funktionen übersetzt werden, werden sie im Alltag wirklich nutzbar.

Learning #5

Software als festen Bestandteil der Maschine verstehen

Wenn Daten, Architektur und Schnittstellen zusammenspielen, verändert sich die Rolle der Software grundlegend. In der Landtechnik wurde Software zu einem zentralen Hebel, um Maschinen weiterzuentwickeln, neue Funktionen bereitzustellen und sich vom internationalen Wettbewerb mit hohen Preisdruck zu differenzieren.

Die Maschine geht in diesem Kontext über den Status eines physischen Produktes hinaus und wird Teil eines Systems, das sich über Software kontinuierlich erweitern lässt. Funktionen können ergänzt, angepasst und weiterentwickelt werden – unabhängig von der Hardware. Für Hersteller bedeutet das: Software wird zum zentralen Bestandteil der Produktstrategie. Wer sie früh integriert, schafft sich langfristig mehr Flexibilität und Entwicklungsspielraum.

Warum die Baubranche jetzt über den Tellerrand gucken muss

Für Baumaschinenhersteller verschiebt sich der Fokus der Digitalisierungsfrage. Sie lautet heute nicht mehr, ob Maschinen in der Lage sind Daten zu erfassen oder miteinander vernetzt sind. Entscheidend ist, wie diese Entwicklungen strukturiert zusammengeführt und vorangetrieben werden.

Die Landtechnik liefert dafür ein gut nachvollziehbares Bild. Über mehrere Jahre sind dort Systeme entstanden, in denen Daten, Software und Architektur ineinandergreifen. Anwendungen bauen auf bestehenden Strukturen auf und lassen sich kontinuierlich erweitern. Genau das ermöglicht eine Entwicklung, die nicht bei einzelnen Funktionen stehen bleibt.

Daraus ergibt sich eine greifbare Chance für die Baumaschinenindustrie. Viele der grundlegenden Digitalisierungsbausteine sind bereits vorhanden. Was fehlt, ist in vielen Fällen ein übergreifender Rahmen, in dem diese Bausteine zusammenspielen. Der Blick in andere Branchen hilft, diesen Rahmen schneller zu entwickeln. Erfahrungen aus der Landtechnik zeigen, welche Ansätze sich in der Praxis bewährt haben und wie sich typische Umwege vermeiden lassen. Für Baumaschinenhersteller entsteht daraus ein konkreter Vorteil: Sie können auf bestehendem Wissen aufbauen und ihre nächsten Entwicklungsschritte gezielter gestalten.

Über die Autor:innen

  • janna-spanke

    Über Janna Spanke

    Janna ist Business Manager bei slashwhy und immer auf der Suche nach sinnstiftenden Softwareprojekten – besonders in den Bereichen Agritech und Food. Mit einem Background in Soziologie bringt sie frische Perspektiven in die Tech-Welt und hat ein besonderes Talent dafür, Menschen an einen Tisch zu bringen und gemeinsam praktikable Lösungen zu finden. Ihre Energie und Offenheit helfen ihr dabei, sich schnell in neue Themen einzuarbeiten und Verbindungen dort zu schaffen, wo andere noch Grenzen sehen.

  • peter-riedemann

    Über Peter Riedemann

    Peter Riedemann ist Business Manager bei slashwhy. Mit seinem Background als studierter Software-Engineer kennt er die alltäglichen Herausforderungen in der agilen Produkt- und Softwareentwicklung aus eigener Erfahrung. Heute bringt er dieses Verständnis in Projekte ein, die nachhaltige Lösungen in Agrar- und Food-Tech möglich machen. Er denkt gern über den Tellerrand hinaus, vernetzt Menschen und sucht nach Lösungen, bei denen alle gewinnen. Sein Ziel: mit Technologie einen Beitrag zur Ernährung der Zukunft leisten.

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    Über Johannes Kasch

    Komplizierte Themen aus der Digitalwirtschaft möglichst einfach erklären und emotional aufladen: Diese Mission verfolgt Johannes in seiner täglichen Arbeit bei slashwhy. Mit 10 Jahren Erfahrung in Content- und Growth Marketing unterstützt der studierte Kommunikationswissenschaftler unsere Branchenexpert:innen beim Vermitteln von Fachwissen oder gibt unseren Leser:innen Einblick in spannende Software-Projekte – immer mit einem Fokus auf Storytelling statt Buzzwords.